I do like (the idea of) mondays

Schreibtisch 2Am Wochenende denke ich immer, Montag sei der ideale Tag, um mit dem neuen Leben zu beginnen. In diesem Fall ist das: Einen Roman schreiben, Unterricht immer toll vorbereiten, gerne mit den Kindern spannende Ausflüge machen, bei Beerdigungen, wo man Leute von früher sieht, nicht mehr den Bauch einziehen müssen, Jiu-Jiutso machen, um Schurken zu maßregeln, wirklich nur noch am Wochenende Alkohol trinken (außer, man geht aus, ist ja klar.)

Allerdings komme ich immer nicht über die ersten Seiten hinaus oder es ist ein Fantasy-Roman und ich scheue die Überarbeitung. Wenn ich den Unterricht toll vorbereiten würde, würde ich ja akzeptieren müssen, dass ich Lehrer bin und kein Schriftsteller. Die Kinder nerven schon, wenn sie ins Auto einsteigen. Das Essen ist so lecker. Zum Jiu-Jiutso kann ich nicht gehen, weil ich eine unschöne Hautirritation an der Fußsohle habe und man ist ja da barfuß beim Training. Bestimmte Erfordernisse rechtfertigen alkoholische Getränke gelegentlich unter der Woche. Der Schreibtisch sieht übrigens nur aufgeräumt aus. Ich habe alles, was drauflag, in eine Kiste geworfen, die jetzt neben dem Schreibtisch steht. Ist trotzdem besser so. Ich frage mich, ob andere Lebensbereiche ähnlich schnell verbesserbar sind. Ich könnte den Alkohol aus so dunklen Papptüten trinken, das wäre ähnlich. Für die Fußsohle erwarb ich gestern eine Hallux Vagus Korrektur-Bandage, die den Problem-Bereich abdeckt, eigentlich aber für Zehspreizschmerzvermeidung ist. Ich male mir schon aus, dass jemans anderes beim Jiu-Jiutso Zehspreizprobleme hat und der gleich nett mit mir redet und mir alle vorstellt und ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme, bis ich einen Chirurghen bitte, mir so eine Zehspreizdingsproblematik per Eingriff einzubauen. Außerdem fallen mir weitere Gründe ein, nicht zum Jiu-Jiutso zu gehen, im Wesentlichen, dass ich da keinen kenne und dass ich ungern ignoriert werde und dass die bestimmt jetzt Weihnachtsfeier machen, also peile ich die Neujahrswoche an, die quasi der Montag des Jahres ist… Außerdem kann ein Sport, den man macht, weil man ihn sinnvoll findet, nicht klappen.

Ich könnte aber so tun, als schriebe ich einen Roman. Das wär ganz hübsch. Ich erzähle dann immer hier und da, was so passiert und wie es den Protagonist*innen geht… Dann könnte ich ja darüber einen Roman schreiben, in dem der Held so tut, als schriebe er einen Roman und wie er es hinkriegt, dass alle es glauen. Das erfordert allerdings Übung. Ich schreibe einen Roman. Früher habe ich sehr versunken in meine Projekte vor mich hingearbeitet, ob das Lego-Türme oder Playmobil-Landschaften waren (ja. ich habe beides gemacht mit einem leichten Hang zum Playmobil, leider, aber heutzutage ist Lego ja eh verplaymobilisiert), später war es das Austüfteln von anderen Welten für das Schwarze Auge… Kennt ihr das Gefühl als Kind, dass man so vor sich hinspielt, die Eltern kommen vorbei und sagen „Weißt du eigentlich, wie spät es ist,“ und gucken so auf ihre Uhr und man geht so zögerlich ins Bett, weil das, was man macht, so cool ist, dass man damit nicht aufhören will?

Aus diesem Paradies wurde ich vertrieben, als die Schlange kam und mir ein Mädchen reichte. Dann war ich immer draußen, Ständig musste ich auswerten, wie sie geblickt hatte und was sie gesagt hatte und ob ich nicht doch irgendeine Chance hätte. Klar war nur, mit Playmobil-Landschaften würde ich sie nicht kriegen, Das Schwarze Auge erschien irgendwie auch uncool. Ich lungerte damals mit ein paar anderen Jungs viel vor ihrem Haus rum und wir schauten, ob sie vielleicht nicht mal rauskäme. Aber sie konnte oft nicht. Zum Beispiel packte sie Koffer. Einen Tag lang. Abgehesen davon, dass das eine Ausrede gewesen sein könnte, dachte ich in späteren Jahren: Das ist es: Man schmeißt nicht nur schnell Sachen zusammen am Abend oder noch am Abreisemorgen, sondern man macht eine Liste, hakt die Liste fein ab, so dass andere sich fragen, warum macht die so eine gutaussehende Liste – kann ich die haben?, dann packt man ordentlich Sachen ein, schaut vielleicht mal zum Fenster raus, wo die Jungs rumlungern, aber nur kurz, packt dann alles schön zusammen und nutzt auch diese Gurte oder was das ist, die die Kleidungsstücke auf der Kofferunterseite festschnallen. Dann macht man sich noch einen Tee, plaudert mit den Eltern, zu denen man ein tolles Verhältnis hat, hört lebensbejahende Musik und geht zeitgig zu Bett. Das klingt jetzt etwas langweilig, ist aber eine Frühform der eierlegenden Wollmilchsau: Achtsamkeit. Denkt mal drüber nach. Jener Frau schrieb ich am Donnerstagabend eine Mail, mit der Aufforderung, mir zu erklären, warum sie sich einst (vor 28 Jahren) nicht in mich verliebte. Ich bot ihr acht Alternativantworten zum Ankreuzen. Natürlich antwortete sie nicht.

Still in mir drin finde ich aber, dass sie mir Playmobil-Landschaften schuldet und das Gefühl, dringend noch etwas zu Ende machen zu wollen abends, das nicht Computerspielen, Fernsehen oder lesen ist. Aber vielleicht wäre das auch ohne sie abhanden gekommen, weil das das Alter ist, wo Sollen das Wollen ablöst.

Advertisements

5 Kommentare zu „I do like (the idea of) mondays

  1. „Ist trotzdem besser so.“ In jedem Sinne. Noch besser als so, wäre nur, Du würdest keine Emails an die Vergangenheit schreiben und stattdessen die Scheu vor Überarbeitung abbauen oder auch nur vor deiner Korrekturlektüre: „Chirurghen“ – was sollen denn Deren Schüler denken, wenn sie doch den Weg hierher finden werden?

    Gefällt mir

  2. Mein Coach sprach gestern Abend zu mir, als ich alleine aufm Balkon saß und Bier trank und rauchte. Er meinte, ein nicht geschriebener Roman sei wie ein nicht gegebenes Konzert. Und ein Konzert sei, wenn z.B. ich mit einem Instrument eine Bühne betreten würde und spielen. Und vorher? Man müsse arbeiten, um dahin zu kommen, nicht nur ein bisschen üben, sondern richtig arbeiten, sagte er. Ja, hm, aber ich habe doch schon eine Arbeit, oder zwei, wie man zählt, dachte ich. Und, er hat gut reden, aufm Balkon sitzen und Bier trinken und rauchen, das kann ich auch.

    Gefällt mir

  3. Couches finde ich auch nützlich!
    Und im Übrigen habe ich den Eindruck, dass nicht alle, die ein Konzert geben und Applaus bekommen, vorher hart gearbeitet haben, angefangen bei Kindern …
    Das Korrektorat hat übrigens schon wieder was zu bemängeln: Sisyphos wurde nie von Romy Schneider gespielt!

    Gefällt mir

  4. So gesehen könnte man ja den Roman gleich für die Schublade schreiben, also sozusagen schon fertig haben .. Kinder werden ja auch gelobt, wenn sie z.B. das ‚b‘ richtigrum schreiben und nicht als ‚d‘. Das scheint aber hier nicht der Maßstab zu sein, siehe Vorkommentar …

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s