Broken-Windows-Theorien

Im Kinderzimmer ist die Fensterscheibe zersprungen. Mein Sohn ist der Ansicht, ein Fabelwesen habe versucht zu fliehen und sei dabei mit dem Horn an die Scheibe gestoßen. Das würde es erklären. Gestern übten wir uns schon in Erleichterung, da F ergoogelt hatte, dass der Hersteller schamvoll einräumt: „Diese Scheiben zerpspringen ab und zu.“ „Ich kümmere mich darum“, behauptete ich gegenüber F. Nun sieht der Hersteller die Schuld leider nur dann bei sich, wenn das Fenster kleiner ist als 39 cm. Nur diese zerspringen ab Werk. Bei größeren können sie sich das auch nicht erklären. Nun sind wir ja Mieter und könnten unsere Vermieterin anrufen, die das dann erledigt. In der Theorie. Erstens muss man aber als Mieter alles bis zu einem bestimmten Kostenpunkt selbst übernehmen. Würde knapp werden. Zweitens und viel wichtiger: Unsere Vermiterein käme vorbei um sich das mit ihrem schlecht gelaunten Freund anzusehen. Unsere Vermieterin ist aus erstem Leben Gärtnerin. Wir nicht. Immer wenn sie uns aufsucht, schaut sie unseren Garten an, als würde er voller Heroinspritzen liegen. Selbst dann, wenn wir ungefähr 25 Arbeitsstunden reingesteckt haben und lobheischend um sie herumtanzen. Besonders das Moos zwischen den Fugen scheint sie zu provozieren. Da liegen nämlich Feldsteine, die ungefähr aus Vorderindien rangeschafft wurden und die Auffahrt erst richtig gemütlich machen. Mietrechtlich darf man den Garten nicht „verwildern lassen“. Manchmal male ich mir aus, wie ein Gutachter mit Kladde durch unsere Gebüsche streift. Es kommen allerdings die Widrigkeiten sozialer Interaktion hinzu. Solange unsere Vermieterin nichts gegen Ausländer oder Juden sagt oder eines unserer Kinder haut, wähle ich im Umgang eher eine defensive Herangehensweise, die dem oberflächlichen Betrachter etwas geduckt vorkommen mag. Nur die Kiwi verteidige ich, während sie sie eleminiert sehen will. Sie hat in erster Ehe in unserem Haus gelebt, und ich habe den Verdacht, dass ihr Ex-Mann diese Kiwi ausgewählt hat. Die Kiwi überragt mittlerweile auch alle Gebäude im Umkreis von zehn Quadratkilometer, aber wenn ich bei der Kiwi nachgebe, kann ich meine Illusion nicht weiter aufrechterhalten, ich hätte mich damals tapfer Hitler entgegengestellt. Außerdem kann unsere Vermieterin ja Eigenbedarf konstruieren. Sie hat irgendwelche Kinder und zum Schein zieht sicherlich gerne eines hier ein. Hitler hat ja auch Eigenbedarf gegenüber der Sowjetunion ins Feld geführt. Ich möchte allerdings meine Vermieterin ungern mit Hitler gleichsetzen. Bei MITHITLERGLEICHSETZEN fällt mir eine Begebenheit ein. Jüngst trank ich bei Freunden und präsentierte Serienwissen, nämlich aus How I Met Yout Mother. Dort sagt Ted – nehme ich an -, dass es in Beziehungen immer einen Reacher und einen Settler gäbe. Die Freunde hatten jedoch verstanden, es gäbe in jeder Beziehung einen Hitler. Checkt mal eure Beziehung ab! Ich vermute, zwischen euch und Hitler könnte es Bedarf an einem gemeinsamen Achtsamkeits-Kalender geben.

Die Frage ist jedenfalls, wie viel Geld es uns Wert ist, dass unsere Vermieterin nicht unser Moos sieht. Lustig ist: Das Haus scheint ihr eigentlich egal zu sein, insofern ist sie sicherlich der Ansicht, dass eine zerprungenen Fensterscheibe nicht schlimm ist. Wir wohnen jedoch in einer Art Neukölln in unserer Kleinstadt. Ich nehme an, die einschlägigen Kriminalitätstheorien zu gebrochenen Scheiben sind euch geläufig… Andererseits ist es ein Dachschrägenfenster und für potenzielle Kriminelle  nur aus einem bestimmten Hofecke erspähbar. Vielleicht müsste ich auch gegen die Fensterfirma – Velux übrigens – klagen und erstreiten, dass sie auch Fenster ersetzt, die ein bisschen breiter als 39 cm sind. Ich bin im Recht. Das mache ich vielleicht morgen. Solange schaue ich mir das Video an, auf dem zu sehen ist, wie man so ein Fenster ersetzt:

https://ersatzteile.veluxshop.de/DetailPage?sparepart=IPL+F06+0059&producttype=window&vci=GGL+F06+3059&productioncode=17AM05N.

Die Musik ermutigt mich. Der Hinweis, dass man das Ersetzen einen Fachmann machen lassen soll, nicht. Warum keine Fachfrau? 101 € wäre aber nicht zu viel, um das Fernbleiben der Vermieterin zu erkaufen. Aber das kennt man ja: Wir bauen das Fenster selbst ein, pfuschen mit der Dichtung, Schimmel oder Fabelwesen kommen ins Zimmer, das Kind wird krank, das Zimmer unbrauchbar und wir müssen das Haus doch irgendwann ersetzen oder kaufen. Das kostet dann, abgesehen von dem kranken Kind 450.000 Euro. Für das Geld kann man auch einen Leibeigenen erwerben, der den Garten pflegt. Was im Garten zu tun wäre: Die Regenrinnen leeren – das ist gemein, da ich dort extra so Gitter angebracht habe. Sie verstopfen jetzt trotzdem noch, es ist nur schwieriger zu reinigen, da die Gitter drauf sind. Die Fugen kratzen. Nochmal die Fugen kratzen. Hatte ich die Blätter mal erwähnt? Googlen, ob man im ausgehenden Herbst die Hecken schneiden kann. Die Hecken schneiden. Bewerbungen nehme ich entgegen.

Die Waschmaschine ist auch kaputt. Der Fehlercode sagt, es sei die Heizung. Ein Waschmaschinenreperaturmensch sagt, nicht vor nächsten Montag. Ich habe die Wäsche entnommen und mit der Hand in der Badewanne gewaschen. Sie dann ausgewrungen und in der Dusche aufgehängt. Meine Hände fühlen sich jetzt überhaupt nicht so an wie „Sie baden gerade ihre Hände drin“: https://www.youtube.com/watch?v=dRznUl4di8A. Ich werde später mal bei den Nachbarn waschen. Ich kann sie jetzt nicht eincremen, denn dafür müsste ich an der Putzfrau vorbei. Die ganzen Abweichungen vom Tagesnormalplan haben mich nämlich dazu ermutigt, unserer Putzfrau heute zu sagen, dass ich zu Hause bleibe. Sonst flüchte ich immer in die Schule und setze mich dort ins Lehrerzimmer. Es ist mir nämlich unangenehm, eine Putzfrau zu haben, auch wenn sie mehr verdient als ich in der Stunde, da sie unter Bedigungen putzt, die jeden Fair Trade Handel in den Schatten stellen. Aber ich imaginiere immer Folgendes: Die Putzfrau putzt, bemerkt, dass der Staubsauger kaputt ist, klopft dann am Arbeitszimmer (das ist außerhalb ihres Putzradius´) an, um davon zu berichten. Ich schaffe es nicht ganz, ihren Blick mit meinem Körper abzufangen. Ein schlimmes Bild bietet sich da. Leere Sektflaschen, ich überall mit Lippenstift verschmiert, Heroinspritzen liegen überall, auf dem Bildschirm… wasweißich: Tierpornos. An der Wand des Arbeitszimmers  kämpfen Schimmel und Fabelwesen gegeneinander. In milderer Form geht es mir auch so, wenn der Paketbote kommt. Jetzt im Augenblick höre ich sie im Wohnzimmer werkeln. Ich (und sie sicher dadurch auch) höre Paul Kalkbrenner, was übersetzt bedeutet: Ich arbeite gar nicht richtig, was ja auch stimmt, wie ihr wisst. Sie sagt dann, entschuldigen Sie, ich dachte, Sie arbeiten.

Das Mädchen aus meiner Kindheit hat (nach 16 Tagen) geantwortet. Sie habe sich halt nicht in mich verliebt, sie wisse nicht warum, aber ich sei ihr bester Freund gewesen. Yeah! Meine Erklärungen waren so hundertmal besser. Immerhin räumte sie ein, dass ich attraktiver war als ihre damaligen Freunde.

Ich bin mir zudem sicher, hätte sie sich damals nicht so angestellt, würde ich viel entspannter mit Vermieterinnen und Putzfrauen umgehen und wäre nie der Hitler in Beziehungen gewesen. Und es gäbe dieses blog nicht.

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4 Kommentare zu „Broken-Windows-Theorien

  1. +++++
    Wie soll das weitergehen, wenn Deine Laune so gut bleibt?

    Man fragt sich aber, welche Dimension das Trinken in „Jüngst trank ich bei Freunden“ angenommen hat, wenn aus Settler Hitler geworden ist. Und man fragt sich, was aus Reacher wurde.

    Sonst frage ich mich noch, warum mir die Vorderindischen Feldsteine ir noch nie aufgefallen sind? Wegen des Mooses?

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  2. Man munkelt in B. Bei H. Oder vielmehr in B. Im Ortsteil H. Habe ein Hort (sachlich unkorrekt, passt aber besser in den Kontext) deiner Ex-Verflossenen aufgemacht.
    War das der Grund für durchgängig gute Laune?
    Ruf mal die Versicherung der Fabelwesen an, die machen das dann schon.

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