… und schenkst mir voll ein.

Ja, Achtsamkeit, naja. Man soll fühlen, ohne das Gefühl gleich zu bewerten. Außerdem soll man alle Dinge voll und ganz tun. Warten, sitzen, essen. Als wäre es das erste Mal. Der Lehre nach wird sich dann ein Enthusiasmus einstellen, der alle Übel aufsaugt wie die Büchse der Pandorra, als sie einst befüllt wurde.

Das kann man üben.

Man geht zum Beispiel in die Bahnhofsgegend einer kleinen Stadt und nähert sich den jungen Männern, die mit dem Hintern auf der Lehne auf der Bank vor dem Bahnhof sitzen. Irgendwann hat einer von denen mal damit angefangen und von da an saßen sie so, weil die Sitzfläche ja dann dreckig war. Sie spucken irgendwo hin, sind von alkoholischen Getränken flankiert und rufen Unziemliches jenen Mitmenschen zu, die sie für Frauen, Juden, Ausländer, Homosexuelle, Gammler, Roma, Sinti halten. Man stelle sich nun in einem Abstand von etwa drei Schritt vor die Jungen Männer und starre sie an. Es wird sich eine Auseinandersetzung entwickeln, die man wahlweise noch akzentuieren kann. Man wird bald körperlich werden miteinander. Angenommen wir bekommen einen satten Haken in den Bauchbereich: Wir werden zusammensacken und Schmerz fühlen. Dieses Gefühl von Schmerz betrachten wir jetzt. Ohne es zu werten. Wir fühlen: Das schmerzt. Und: Mein lieber Scholli!

In diesem Moment geht bei dem Ungeübten die ganze Bewertungsmaschinerie los: Ist eine Sitaution ohne Schmerz nicht vielleicht besser? Kann ich mich in meiner momentanen Lage überhaupt gut entfalten? Manche haben auch negative Gefühle gegenüber demjenigen der uns den Schlag eingeschenkt hat. Ganz falsch. Fühlt hinein, als ob ihr zum ersten Mal in eurem Leben ordentlich geschlagen werdet! Denkt nicht: Mein Leben könnte durchaus besser sein, wenn mich niemand schlägt. Das ist falsch. Ihr werdet immer eine Ausrede finden, warum es gerade nicht geht. Wollt ihr bis zur Rente so weitermachen? Heute ist es der Schlag in die Magengrube, morgen ein schlecht sitzender Anzug oder der richtige Job, den ihr eigentlich wollt, eine Beziehung oder keine mehr. Tomorrow never dies. But it kills! Stattdessen könnt ihr versuchen, beim nächsten Schlag anders zu intonieren. Oder wie wäre es, dabei mal auszuatmen? Immerhin regnet es nicht.

So. Auf der anderen Seite hat Achtsamkeit auch seine Vorteile. Und dieses Gefühl „Nur dieses Eine muss noch geschehen, dann kann ich mit dem richtigen Leben beginnen“, ist mir eine Geißel.

Ich habe den Heizstab und den Temperaturfühler meiner Waschmaschine ausgebaut. Dann kam der Nachbar mit einem Widerstandsmesser und maß den Widerstand. Dann habe ich beides wieder eingebaut. Dann war die Waschmaschine immernoch kaputt. Dann kam F nach Hause und ich sagte, der Fehlercode sei jetzt F4. Dann sagte sie, das sei er doch die ganze Zeit über gewesen, deswegen habe sie sich ja das Youtube-Video angeschaut, in dem gezeigt wird, wie man die Motorkohlen austauscht.

„Das Eine noch,“ hätte ich dann gern gedacht, aber es ist ja kein Wochenende.

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6 Kommentare zu „… und schenkst mir voll ein.

  1. Bei der englischen Fussballberichterstattung gibt es so Formkurven in Form von Ws, Ds, und Ls oder Grün, Grau, Rot (Siege, Unentschieden, Niederlagen). Nach zwei dicken grünen Punkten muss hier der Kritiker anders optieren. Zu ungenau (das „Eine“ oben ist kein Bier sondern was?; das „Eine“ unten schon?; am Bahnhof: Fiktion oder Selbstexperiment? zuviel Waschmaschine ohne Charme und: jetzt ist aber auch mal wieder gut mit Bibelversen (da hilft auch keine ironisch-sarkastische Verwendung! Und insgesamt ist die selbstironische Haltung zur Achtsamkeit nicht überzeugend. Muss ich mir Sorgen um Deine Laune machen?

    Im Übrigen fand ich die Alkis in O. am Bahnhof immer sehr freundlich!

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  2. Nein, nein, stimmt schon. Ich trage als Autor die Verantwortung für dieses Schreibergebnis. Bei all den Menschen, die mir vertraut und an mich geglaubt haben, bitte ich für meinen Anteil an dieser bitteren Niederlage um Entschuldigung.

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