Mannuell

Als Mario Barth noch nicht als Referenz dafür galt, konnte man sich mit kritischen Männlichkeitsstudien auseinandersetzen, ohne von vermeintlich Zukurzgekommenen auf der Straße angespuckt zu werden. Eine Theorie blieb bei mir hängen: Das Konzept Hegemonialer Männlichkeit (von Connell, glaube ich, egal: verklagt mich): Es besagt – in Barthisch – dass immer einer der Babo ist. Wer das ist, hängt aber davon ab, wo und wann man ist. Früher war es vielleicht der Typ, der Steine so cool übereinanderlegen konnte, dass sie den höchsten Turm bilden, und jetzt in japanischen Fantasyfilmen als Zeichen dienen können, dass frühere Kulturen dort schon gelebt haben. Heute weiß ich nicht so recht. Ich habe jedenfalls die Autoreifen gewechselt. Es schneite dabei, was mir die Dringlichkeit meiner Handlung bewies. Ihr denkt jetzt sicher: „Er ist der Babo.“ Oder „Reifenwechseln wie bei Muttern.“ Oder „Nie wird F in dieses Auto einsteigen.“ Ich muss jedoch zur Erklärung wieder ein Kapitel aus dem Buch „gelebte Dialektik“ hinzuziehen. Ich wechsle die Reifen nämlich selbst, weil ich faul bin. Zu faul, einen Termin zu machen (oder ängstlich, immerhin könnte die Reifenwechselstelle denken „Wieder so ein Studierter, der das nicht selbst kann.“ Naja und wenn man keinen Termin hat, sagen die: „Kommen Sie morgen wieder, dann haben wir das gemacht, Sie können sich ja vorstellen, dass jetzt einiges los ist.“ Und sie nicken so rüber, wo Schnee fällt. Und das meinen sie nicht als Entschuldigung, sondern als Vorwurf.) Ich habe 40 Minuten gebraucht. Ich denke jedes Mal dabei an Guido aus „Cars“ und wie er sagt „Boxenstopp e?!“. Das motiviert mich. Bei unserem Auto muss man 120 Nm an dem Schraubgerät einstellen, bei dem ich immer vergesse, wie es heißt (Wie bei Ben Affleck).

Gestern fiel ich vom Fahrrad. Also technisch gesehen fiel ich mit dem Fahrrad um, wie einst mit dem Barhocker. Ich bin manchmal erstaunt, dass man mit dem Fahrrad umfallen kann und sich nichts tun. Mein erster Gedanke war auch nicht: Bin ich eigentlich heil, sondern: Scheiße, meine Sachen sind dreckig. Treue Leser wissen: Ich repariere gerade unsere Waschmaschine (das gibt in der Rechnung meines Nachbarn auch Männlichkeitspunkte). Vom Rad fallen ist, glaube ich, für die Babo-Wertung, nicht so gut. Ich rief jedoch durch unseren Stadtteil: Alles in Ordnung und war der Ansicht, wenn ich möglichst schnell und behende wieder aufstehe, kann ich es nocht retten. Vielleicht erklärt sich auch dadurch der stechende Schmerz in meinem Rücken, der mir heute morgen widerfuhr als ich AUS DEM SESSEL AUFSTAND. Ich sagte den Kindern: Kinder, geht bitte, solange ihr es noch könnt, zu dem Sessel und steht daraus auf. Nutzt eure Jugend! Der Älteste hat es auch gemacht  – der spürt schon, wie die Zeiger näherkommen.

Gestern Abend sprach F davon, dass alle immer „Tatsächlich Liebe“ toll finden (ich auch) und wir den dann wohl mal sehen müssen. Ich geriet ins Schwärmen und sprach in preisender Absicht Hugh Grant an (schön, den hier mal nicht ausprechen zu müssen), das wurde aber nichts. Hugh Grant sei grässlich und würde immer nur in so Säusel-Filmen mitspielen. „Notting Hill“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ fielen bei ihr durch. Apropos Säusel-Männer  Ich mag ja auch James Blunt sehr, das traute ich mich in dem Zusammenhang aber nicht zu erwähnen. Allerdings finde ich, dass er in Bonfire Heart so wirkt, als würde er das niemals machen, was er da macht. Bonfire Heart Wahrscheinlich hat er auch gar keinen Motorrad-Führerschein und wurde gedoubelt oder er hat den ganzen Trip von seiner Mutter über so Event-Geschenke zum Geburtstag gekriegt. Die zahlt bestimmt auch den Strafzettel bei 2:12, der zeigt, was für ein wilder Typ er trotz der Frisur ist (mit der wäre er 1986 immerhin Tom Cruise gewesen). Bei 2:24 sieht man auch, dass der richtig Coole, der jeden Morgen mit seiner Maschine in den Wald fährt, um da mit Wildtieren zu ringen, ihn auch nicht grüßt, dafür aber einen Helm aufhat.

Ich schwärmte jedenfalls von Hugh Grant. Und F. sah mich mit so einem Blick an, der ungefähr besagte: Dir ist schon klar, dass es auch Bruce Willis gibt…? Oder meinetwegen Wonderwomen. (Hey man könnte Notting Hill nochmal drehen und er trifft dann Wonder Woman in der Buchhandlung…) Es ist ganz interessant zu ermitteln, unter welchen Bedingungen der Typ, der die hegemoniale Männlichkeit innehat, eine Frau ist.

Damit wären wir wieder bei Lt. Ripley, vor allem im vierten Teil. Sie nimmt da dem Glöckner von Notre Damme den Basketball weg und wirft ihn damit um, zumindest in meiner Erinnerung. Davor hatte der sich ihr gegenüber verhalten bei einem Donald-Trump-behave-like-Wettbewerb. Basketball-Szene (Fun fact: zum Schluss wirft und trifft sie in echt ) Und auch sonst läuft es ja eher so ab, dass da Männer um sie rumspringen, die sagen, Ja, klar, Alien, aber hast du meine mega-Laser-Kanone gesehen? Damit werde ich deinem Alien ordentlich eins auf den Pelz brennen. Und sie guckt so Sigourney-Weaver-mäßig und sagt: Ja, mach mal. Wir sehen: Es gibt auch eine scheinbare hegemoniale Männlichkeit. Das Publikum denkt schon: Der Coole mit der mega Laserkanone. Das ist der Babo. Wenn das Alien sich jedoch kurz mal von seinen Alltagsgeschäften ablenken lässt und sich mit dem Typen mit der Laser-Kanone beschäftigt und wir ihn als nächstes mit einer Bauchwunde, aus der die hegemoniale Männlichkeit raussickert, zuammengesackt irgendwo rumhängen sehen, denken wir das nicht mehr. Die Einzige auf Station, die es auch einigermaßen raus hat, ist Wynonna Ryder – klar, nicht umsonst hatte ich mit einem von euch mal einen Wynonna Ryder Fanclub. Wenn Film-Wynonna allerdings manuell Reifen wechseln würde, würde es trotzdem nie so ganz wie bei Muttern sein. Bei Wynonna Ryder fällt mir „Reality Bites“ ein, wo Ethan Hawke einen Snickers klaut und sie Ben Stiller erklärt, dass Ethan Hawke findet, das Establishment sei ihm einen Snickers schuldig. Establishment ows Snickers Daran dachte ich gestern auch, weil ich der Ansicht war, das Universum schulde mir ein Wochenende.

Sigourney Weaver spielt bei „Defenders“ mit.

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13 Kommentare zu „Mannuell

  1. alles sehr sehr schön, man möchte feiern.
    du lässt dir was einfallen, wie findus sage würde.
    ich halt lasse autoräder, waschmaschinen und kaputte fenster immer von den auto-, waschmaschinen- und fensterbabos bearbeiten .. das klappt relative gut, bringt aber keine wirklichen erfolgserlebnisse (und keine echten niederlagen), also: langweilig.

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  2. Prinzipiell Tendenz W wegen wiederholt auftretender sprachlicher Schönheit, bzw. eleganter Schnoddrigkeit und synaptischer Originalität.
    Aber: das mit dem Babo und der Hegemoniemännlichkeit kommt mir sehr Barth-mäßig vor. Bei „kritischen Männlichkeitstheorien“ muss doch noch mehr drin sein, oder? Muss ich jetzt Cornell lesen?

    Vor allem aber: Aber!

    – Der Alien-Film, von dem Du redest, spielt nicht in der Strafkolonie. Die gab es in Alien3.

    – Ich werde den Verdacht nicht los, dass der Teil über Hugh Grant eine ziemlich geschickt über doppelte Bande gespielte und F in fiktionaler Gedankengestalt in Kronzeugengeiselhaft nehmende alt-männliche Selbstdarstellung als Bruce Willis ist. Ich glaube, man nennt das Humblebrag.
    Habe Dich aber schon lange nicht mehr im Unterhemd gesehen.

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  3. So unterschiedlich nimmt man das wahr. Ich fand den Text ziemlich anstrengend zu lesen und dachte vielleicht sollte ich mal ne Pause machen von „oder morgen“, vielleicht morgen.

    Rausgerissen hat es dann aber „Oder „Nie wird F in dieses Auto einsteigen.““

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  4. Naja, der Anfang ist eine Ansammlung loser Enden und wo dann die Naht lang geht, weiß man nicht, aber dennoch wird n Schuh draus.

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  5. Was schert mich der alien Film, von dem ich gestern redete. Das von heute ist alien 4, ist mir schon klar. Und eine Strafkolonie ist es auch nicht. Der beste alien-Film ist aber alien 3.
    Ich fand auch, dass die kritische Männlichkeitsforschung vielleicht doch darüber hinausgeht, festzustellen, wer der Coolste ist. Das ist wohl selektiv an mir hängengeblieben. Ich glaube, es geht noch in die Richtung, dass man immer irgendwann an einer Gangwand lehnt mit Bauchwunde, wenn man immer versucht, der Babo zu sein. Und dass das auch die Männer nerven sollte. Days like these lead to Nights like this, um mal James Blunt zu zitieren…

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  6. Ich hielt es für möglich. Jetzt ist es in meinem Kopf und keine Eide kriegen es da wieder raus: 3er hat schon mal über Mario Barth gelacht!

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