In Berlin wird das Geld an das Fenster geworfen

Ich habe wieder einen Ausflug in die Welt der Macherinnen und Macher gemacht. Und wurde pompt vom Schicksal verhöhnt. Das Thema „Waschmaschine“ hatte ja hier bereits seinen Raum. Ich hatte, als ich nachts nicht schlafen konnte, einen Plan gemacht, der vorsah, dass jemand mit unserem Auto durch ein enges Gässchen ganz an unsere Haustür ranfährt und ich die Waschmaschine dann in den Kofferraum kippe. Bei der Begehung des Geländes fiel mir ein heruntergefallener Zettel im Einzugsbereich unseres Briefkasten auf. Ich kann mich nun wirklich nicht um alles kümmern, also widmete ich mich der Großtat. Es klappte irgendwie, das rausklappen noch besser und ich sah eine goldenen Gegenwart neben mir, in der ich endlich kein trockener Workoholic mehr wäre. Bis ich den Zettel las. Dort stand drauf, am Montag (also heute) würde jemand kostenlos Haushaltsgeräte, z.B. Waschmaschinen, abholen. Man solle sie einfach vor die Tür stellen. Es gibt eine Herangehensweise an die Welt, die lautet, „Probleme lösen durch nichts tun.“ Sie trifft erstaunlich oft zu.

Zuvor hatten wir also keine Waschmaschine, natürlich nur muffige Klamotten und wo kann man damit grad noch hin: richtig: nach Berlin. Selbst dort sackt man aber ziemlich ab, wenn man mordig duftet, so ist es kein Wunder, dass wir uns in der Gesellschaft der Creatures of the night wiederfanden: Wir durchlebten eine Begegnung mit einem Jungenmann in der U1. Das ist die U-Bahn, nach der sich keine Band genannt hat, weil keine Band sich da rein traut. Ich mochte ja früher das Musical „Linie 1“ sehr gerne. Ich glaube, das gibt es immernoch, sie haben nur ein bisschen was geändert. In verschiedenen Stationen (!) passiert da halt was in der U1. Die folgende Nummer jedoch fand ich jetzt nicht so ein Gewinn. Dann doch lieber „Wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär´n wa längst schon russisch, chaotisch und grün.“

In Berlin, und auch nicht nur da, gibt es die Sitte, Männer jeglichen Alters Jungermann zu nennen. Diese Sitte unterstütze ich voll und ganz. Wenn jemand beantragt, sie in einen Kanon einer Leitkultur aufzunehmen, wäre ich sofort dabei. Der Jungemann in der U-Bahn hatte sich eine gewisse Strähnigkeit anfrisiert und schien bereits einem Sortiment von Rauschdrogen zugesprochen zu haben. Sein Tag hatte wohl schon Tage zuvor begonnen, dennoch hatte er sich eine gewisse Kommunikationsfreude erhalten. Zunächst offenbarte er, dass er etwas zu essen oder zu trinken oder Geld zu haben wünsche. Er klagte dann die Frau ihm gegenüber an, ob sie ihn denn nicht höre oder nicht sehe und hallo, ob er denn unsichtbar sei. Er variierte diese Klage dann mit zunehmender Lautstärke gegenüber unterschiedlichen Frauen. F. attestierte ihm in ihrer Rezesion eine Art Women Issues. Die Frau ihm gegenüber war langsam in Gebelaune geschrien und reichte ihm eine Tüte mit Keksen. Die wies er von sich, so dass der Verdacht aufkam, es gehe ihm vielleicht doch nicht so sehr um feste Nahrung. Im späteren Verlauf erhärtete sich dieser Verdacht noch. Da ich immer daran interessiert bin, meine Familie nach Berlin zu locken und ich auch ein leichtes Gefühl von Empahtie der Frau gegenüber verspürte, ging ich zu ihm und drückte ihm 2×20 Cent in die Hand – seit ungefähr zehn Jahren habe ich irgendwie nie Bargeld. Ich dachte: Wenn es nicht so mühevoll und gefährlich wäre (In Filmen schreit immer wer: „Vorsicht, er hat ein Messer!“), würde ich dich gerne an der nächsten Station ein bisschen verhauen und rausschmeißen, sagte aber nur nickend: „Hier hast du Geld, kannst du dir was zu trinken kaufen“, und setzte mich neben die Frau. Darauf adäquat zu reagieren überstieg jedoch sein Improvistaionstalent. Er begann nämlich wieder mit seinem Ursprungstext. Irgendwer, vielleicht ich, verwies dann auf das Geld in seiner Hand. Und jetzt kommt das Außergewöhnliche: Er schmiss die 40 Cent mit Wucht gegen das Fenster gegenüber und schrie irgendwas. Ein anderer Fahrgast kritisierte ihn dann mir der Bemerkung, er möge sich in der U-Bahn benehmen. Ich sammelte meine Familie ein und wechselte das Abteil, noch unsicher, ob ich alleine zurückkehren würde und den Kampf gegen den Geldwerfer aufzunehmen hätte, aber an der nächsten Station verließ auch er die Bahn (Hallesches Tor). Ich weiß, wenn man gerne Alkohol hätte und keinen bekommt, ist das irgendwie schade. Schließlich war ich über Weihnachten wo zu Besuch, wo ich den Eindruck nicht loswurde, mein Alkoholkonsum würde reglementiert werden. Die Kekse, die mir gereicht wurden, aß ich jedoch dankbar. Hätte mir jemand zweckgebundenes Geld gegeben, hätte ich mir wohl auch selbst etwas zu trinken gekauft. Gut, irgendwo hingehen und sagen: „Ich hätte gerne für 40 Cent Bier“ klingt auch nicht wie die Einleitung eines feuchtfröhlichen Abends. War es einfach zu wenig? Wollte er nur Geld von Frauen?

Freunde von uns können gute Geschichten über die Äußerungen ihrer Schwiegermutter erzählen. Eine handelt davon, dass eines der zwei Kinder lauthals schreit und infolgedessen elterliche Zuwendung erfährt. Dann schreit es weiter und die Schwiegermutter sagt dann: „Das war wohl auch nicht das Richtige.“ Genaugenommen ist es ja nicht die Schwiegermutter von beiden. Als Muttergeschichte funktioniert sie aber nicht so gut. Ich frage mich, ob ich dem Jungenmann vielleicht ein gut gekühtes Pils hätte reichen sollen. Man wird unduldsamer, wenn man Familienvater jenseits der 40 ist. Man hört sich schon jauchzen, wenn Männer mit braunen Jacken in die U-Bahn stürmen und das „Gesindel“ entfernen, um es in irgendeiner Zelle in Dessau auf das Bett zu fesseln.

Heute war der erste Schultag. Ich wollte das nicht. In Berlin wurde ich außerdem von einem Hasen angegriffen. Davon berichte ich vielleicht morgen.

Bildquelle: https://lejano.de.tl/Lustige-Nager.htm

 

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4 Kommentare zu „In Berlin wird das Geld an das Fenster geworfen

  1. Schmeiß die Fuffies durch die U1, schrei bow wow.
    Moment es waren ja nur vierzig Cent, in Balin gibt man eigentlich immer mindestens 50 cent.
    Sieh das Retournieren eher als Chance zur Nachbesserung.
    Dich neben die erstbeste Frau setzen zu können rechtfertigt das ja nur bedingt, zumal du dann ja wohl kaum gleichzeitig F. Und Kinder beschützen konntest.
    Auch in Linien, die nicht als Theaterstücke von sich reden machen können, erlebt man vielfältige Geschichten.
    Da wäre zum Beispiel derjenige, der ebenfalls um Geld, Essen und/oder Trinken warb. Nachdem ich ihm einen Apfel gab, zeigte er mir daraufhin seine bereits ordentlich durchfaulte Kauleiste und nuschelte „scheiß Idee, was zu trinken wäre ihm lieber“. Hatte ich nicht.
    Oder Siggi, der immer jeden segnete von dem er etwas bekam und alle anderen regelmäßig mit Flüchen belegte.

    In diesem Sinne, in Berlin wird schon seit dem 2.1. Gearbeitet, auch heute.

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  2. Ich z.B. frage mich ja aber, wann Ihr Familienväter (und -mütter) still und heimlich die „Bitte Ruhe“-Schilder in sämtlichen öffentlichen Bibliotheken abgeschraubt habt. Es muss schon länger her sein, weil auch die Teenager und was ich dafür halte, in einer Lautstärke schreien und quatschen, die in U-Bahnen noch missbilligende Blicke hervorbringen würde und weil mittlerweile sogar Rentnerinnen schleichend infiziert zu sein scheinen. – Vielleicht sind die Rentner aber auch doch noch jünger als ich. Oh! Gerade habe ich was gehört: „Das ist hier kein Spielplatz!“ Erstaunlich. Alle Botho-Strauss-Bücher sind ausgeliehen.

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