Sie verlassen den Fähigkeiten-Sektor!

Wir leben nicht in einer perfekten Welt. Es ist eine, in der uns aus heiterem Himmel Hasen angreifen oder Bügelperlen, die so wirken, als wären sie schon verbügelt, einfach durch die Gegend purzeln, wenn man sie zur Seite tut, um einen Zettel an die Lehrerinnen der Tochter zu schreiben. In einer perfekten Welt würden die nämlich entweder wirklich schon verbügelt sein oder aber an einem dafür vorgesehenen Ort liegen. Gestern bin ich irgendwie auf das falsche Gleis gestellt worden und schon früh war klar, dass aus dem Abend nichts wird. Unter anderem orakelte dieser Sachverhalt sich an mich ran, als mein Sohn sagte, er möge jetzt keine Einladungskarten für seinen Geburtstag machen, weil seine möglichen Gäste das, was er malen würde, eh nicht mögen würden. Auf mein pädagogisches Argument antwortete er, dann feiere er eben gar nicht und er gehe jetzt hoch. Dort verblieb er dann und rief Nein. Also als ich klopfte. In der Restzeit rief er, glaube ich, nicht nein, sondern legte sich ins Bett und hörte ein Hörspiel. Unsere Tochter machte auch irgendeinen Ärger. Also trank ich ein Bier. Zuvor hatte ich schon entschieden, mit Restschnupfen nicht zum Fußball zu gehen. Man hört ja viele Fälle davon, dass Menschen mit Herzhyperbolismus oder so zusammensacken, wenn sie erkältet irgendwas tun, besonders wenn sie männlich sind. Und wenn ich mich beim Fußball noch zurückhalten muss, würde man meine Darbietung auf dem Feld nicht mal irrtumssicher der richtigen Sportart zuordnen können. Zum Jiu-Jutso am Montag ging ich auch nicht. Das mit dem drei Mal Sport in dieser Woche wird wohl auf kein Mal zusammenschrumpfen. Dann mache ich lieber auch mal einen Bogen um die Körperfettwaage. Zum Glück muss man für den wiegevorgang barfuß sein, so dass ich mich nicht versehentlich wiegen kann, wenn ich unbeabsichtigt drauftrete.

Die Sehnsucht nach einer perfekten Welt (Es gibt einen Film mit Kevin Costner „perfect world“, den ich sehr mag. In dem spielt er einen Verbrecher, der aber irgendwie moralischer handelt als die Restwelt, glaube ich. Oder er guckt nur so. Z. B. bedroht er einen Mann mit der Waffe, als der sein Kind schlagen will oder anschreit, weil das Kind keine Lust hat, Einladungskarten für seinen Geburtstag zu malen. Oder so ähnlich), jedenfalls die Sehnsucht nach Perfektion führt dazu, dass manche Menschen prokrastinieren. Das habe ich mal in einer „Psychologie heute“-Zeitschrift vor ca. 20 Jahren gelesen. Das Denkmodell funktioniert so: Ich will eine perfekte Hausarbeit in der Uni schreiben, ahne aber, dass ich da an die Grenzen meiner Fähigkeiten komme. Die Grenzen meiner Fähigkeiten will ich aber nicht so gerne kennenlernen, denn dann wird mein Leben ja irgendwie enger. Ich muss es also hinkriegen, eine Hausarbeit zu schreiben, die nicht perfekt ist, ohne dass ich den Grenzen meiner Fähigkeiten begegne. Ich stelle mir gerade so einen Schlagbaum vor, neben dem ein Schild steht: Halt, sie verlassen den Sektor ihrer Fähigkeiten (You are leaving the skillian sector). Bewacht wird der Sektor von einem finsteren krokdilähnlichen Fabelwesen, das einen Pikenhelm aufhat und den Kopf schüttelt. Da will man nicht hin. Was macht man? Man geht so knapp los, dass man den Bus nicht bekommt, der einen dorthin fährt („nächste Station: Fähigkeitengrenze. Endstation bitte steigen Sie aus und lassen nichts im Bus liegen. Der Bus fährt übrigens in zehn Minuten zurück.“) So muss man den Ort nicht kennenlernen, schreibt eilig am Vorabend des Abgabetermins irgendwas hin, das gerade so reicht und denkt sich: Gut, das war jetzt keine gute Arbeit. Aber wenn ich rechtzeitig angefangen hätte und den Bus bekommen hätte und den Schlagbaum erreicht hätte, wär ich einfach neunternovembermäßig durchgegangen und das Fabelwesen hätte hektisch telefoniert, aber nichts machen können. Es hätte eine super Vereinigung zwischen dem Sektor meiner Fähigkeiten und dem Sektor hinter meinen Fähigkeiten gegeben. Meine Bewohner hätten „Waaaaahnsinn“ in die Kameras gerufen. Das werde ich eines Tages tun. Da nehme ich mir dann total Zeit, es wird eine perfekte Arbeit und Kevin Costner muss nicht kriminell werden. Was ich diesmal in der Arbeit  für eine Note bekomme, ist völlig Wurst. Schließlich werde nicht ich beurteilt, sondern mein Zeitmangel. Das hat mit mir nichts zu tun. Mein Selbstbewusstsein kann ungestört weiter in seinem Ei brüten in seiner wabernden grauen Masse. Es wird sogar ein bisschen durch den Fakt angewärmt, dass es in so kurzer Zeit doch noch so was Ausreichendes hingekriegt hat, denn schnell arbeiten lernt man immerhin bei dieser Psycho-Sache. Auch das Fabelwesen muss sich nicht der Frage stellen, ob es im Ernstfall schaffen würde, mich aufzuhalten. Alle sind zufrieden.

Man kann dieses gezielte Scheitern an selbstgeschaffenen Außenumständen auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Ich kann zum Beispiel eine Frau möglichst uninspiriert um ein Date bitten und mich scheiße kleiden. Wenn sie dann absagt, liegt es nicht an mir, sondern daran. Oder beim Kuchenbacken.

Probiert es aus!

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17 Kommentare zu „Sie verlassen den Fähigkeiten-Sektor!

  1. Wenn es da nicht klappt, dann wäre es doch das ursprüngliche Ziel.
    Das Date absichtlich misslingen zu lassen steht ja nicht im Widerspruch dazu, wenn es dann doch gelingt.

    Außer natürlich Man (n) hat von vornherein das Ziel es zu versauen.

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  2. Erstens kann man beim Frauen-Daten ja nicht so ausreichend bestehen. Bzw. wenn, dann ist ja gut. Wenn man es aber versaut und das eigentlich nicht wollte, dann ist es nicht wie ein verpasster Uni-Schein, wo man das Verpassen auf die Zeit und nicht die Persönlichkeit zurückführen kann; sondern erstens sieht man den tatsächlichen Preis, den man vorher nur abstrakt kannte, nun tatsächlich vor sich und will ihn vielleicht unbedingt und dann sind Entschuldigungen nicht mehr so wirksam und zweitens geht es eben nicht nur um den Schutz der eigenen Fähigkeitenillusion, sondern um den Wunsch nach Anerkennung, jenseits der Fähigkeiten als Person. Also ich z.B. date gar keine Frauen, um eben diese Ablehnung als Person zu vermeiden und kann mir da keine Halbheiten vorstellen, die mich Enttäuschungen wirksam wegrationalisieren lassen würden.

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  3. Ich hatte die von Guntron beschriebenen Aspekt noch weitergedacht, sprich wenn es zum Date kommt.
    Vielleicht hatte ich es aber auch einfach nur falsch gelesen… Ähm

    Wie du schon schreibst „wenn, dann ist ja gut“. Aber wir sind da ja eher Theoretiker vielleicht hilft die Erfahrung eines „Date-(E)nden“?
    Sonst schreibst du das als nicht Datender und mein letztes Date ist 13 Jahre her.

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  4. Auf 3x Antwort kann man nicht antworten.

    Immer dieses anonyme Internet, jeder lädt unbenannt Hatespeech ab. Dabei war meine Hoffnung, dass sich jetzt ein Datender meldet.

    Syntax und Grammatik kann jeder und will nur keiner.

    Dates wiederum wollen viele, nur kann es keiner.

    Soll ja sogar welche geben, die vor der Überlegung, ob man die Fähigkeit der Entschuldigung zum Selbstschutz anwendet, die Flinte ins Korn werfen.

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  5. F. stimmt hier 3er zu und sagt, die Übertragung auf Daten wäre, dass man sich bei einem Date gar nicht trauen würde zu fragen. Dass es nicht „gerade so“ gelingen kann, stimmt. Oder man zählt „lass uns Freunde bleiben“ als gerade so gelingen. Das ist aber ja eher Durchfallen. Wenn es zum Date kommt, kann man es natürlich auch herrlich versauen und hinterher sagen, ja war ja nicht ich, sondern mein Gehampel. Das ungefähr meinte 3´er. Mein letztes Date ist 9 erst Jahre her und ist ganz gut gelungen.

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  6. Hier ein schönes Beispiel: Date (bzw. sogar das was daraus folgte) versemmelt – kein Wunder bei dieser Körpersprache, irgendwie schon vorsätzlich – aber dann ein Lied darüber schreiben und damit sicherlich wieder punkten (weiß man nich) – entspricht dem Ansatz von ‚oder mrogen‘ — Du Oasch, garantiert ohne Tanten und südliche Orte

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  7. seb sehr treffend und der Dialekt einfach herrlich. Musikvideos sind wieder im Kommen, bald soll dieses MTV auch wieder (oder für jüngere Menschen erstmalig) Musikvideos ausstrahlen und das ohne pay-view.

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  8. Hej Guntron,
    Nett hast du’s hier 🙂
    Dieser Artikel hat mich tatsächlich länger beschäftigt. Ich habe mich vor einer Weile schon mal mit Prokrastination auseinander gesetzt und diesen Test hier gemacht (https://www.uni-muenster.de/Prokrastinationsambulanz/Angebote_Test.html) vielleicht kennst du den ja auch?
    Ich denke mit dem Thema Perfektion greifst du da in jedem Falle einen wichtigen und richtigen Punkt auf. Mir kam dabei der Begriff von der „Schönheit des Unperfekten“ in den Kopf. Ich weiß selbst noch nicht genau, was er bedeutet, aber er kam mir mit einem Gefühl von großer Freiheit in den Sinn. Vielleicht fällt dir ja was dazu ein?

    Übrigens: gut geschrieben!
    LG, Marita

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  9. Hi Marita,
    danke für deinen Kommentar, ich habe den Test mal vor einen paar Jahren gemacht, aber mich immer an der Frage gestört, ob mir andere dringende Dinge einfallen, wenn ich eigentlich etwas tun will. Das ist nämlich nicht so, sondern ich tue dann gar nichts. So konnte ich den Test schon mal nicht mehr „gewinnen“. Das von mir heute beschriebene Programm ist auch von den Münsteranern. „Schönheit des Unperfekten“ finde ich gut. Vielleicht, weil sich das Perfekte nicht mehr entwickeln kann und irgenwie auch nicht menschlich scheint. Jemanden kennenlernen, der perfekt ist und dem alles super gelingt, stelle ich mir ja eher langweilig vor. Ich würde dann überprüfen, ob es nicht ein Android ist. Am Dasein in so einer neuen Stadt wie bei dir interessieren ja auch eher die Dinge, die weniger glatt laufen. insofern wünsche ich nicht nur, aber auch Momente schönen Scheiterns in Rom!

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