Engelskreis

Da ist die Geschichte vom kleinen Prinz und dem Säufer. Er säuft, weil er sich schämt, und zwar dafür, dass er säuft. Früher bedeutete mir der Kleine Prinz sehr viel, ich fand ich war er und auch die Rose und auch der Fuchs und der Bolzen, der bockte… Das mit dem Trinker hielt ich immer für eine gute Pointe. Ich lese gerade einen blog über jemanden mit einer Depression: leiderdepro Beim Lesen fällt mir wieder auf, dass 40 Prozent der Krankheit aus den Sekundäreffekten bestehen. Zunächst mal der, dass es einem echt die Laune verderben kann, wenn man merkt, dass man depressiv ist. Aber dazu gesellt sich noch, dass man ständig Ansprüche an sich hat zu funktionieren, weil man sich ja doch ein bisschen blöd fühlt, wenn man zu gelähmt ist, um seinen Sohn vom Kindergarten abzuholen (wie im Fall des Bloggers). Der Bericht, wie auch die meisten Berichte oder Romane von Menschen mit Depressionen, drehen sich meistens um die Auswirkungen der Depression, z. B. auf ihre Arbeitswelt, ihre Beziehung, ihre Selbstachtung usw. Das alles sind so deprimierende Erfahrungen, dass man schon dadurch eine depressive Phase kriegen kann. Zu 40 Prozent gilt also: Er ist depressiv, weil er sich schämt, dass er depressiv ist. Wenn die Depression einhergehen würde mit einer offenen Wunde auf der Stirn, wären viele Depressiven besser dran. Auch weil sie nicht ständig beweisen müssten, dass sie depressiv sind und das auch echt eine Krankheit ist. Oder wenn sie auf so einer Insel leben würden, wo alle depressiv wären und sie sich halt nur mit ihren Stimmungen auseinander setzen müssten und nicht mehr mit den Auswirkungen ihrer Stimmung. Oder so. Nein, ich will keine Lager für Depressive bauen.

Ich bin übrigens nicht depressiv. Ich leihe mir nur gerne Bestandteile der Depression aus, um mein Motivationsproblem zu verstehen oder zu beschreiben. Dass man denkt, man müsste doch jetzt oder man sollte mal und aber gar nichts tut, sondern lieber einen Film sieht, kenne ich auch. Menschen mit Depressionshintergrund verstehen das besser als andere, die nur manchmal erschöpft sind und dann auch früher ins Bett gehen und – krass – den Abwasch morgen machen. Einen Teufelskreis kann ich auch anbieten: Wenn man weiß, dass man dazu neigt, Dinge nicht zu tun, zwingt man sich eher dazu, Dinge zu tun. Dann neigt man aber dazu, sie nicht zu tun. Zudem ist man frustriert und traurig und dadurch auch nicht tatkräftiger. So kann man sich die nettesten Tätigkeiten versauen, z. B. Abenteuer für DSA zu erfinden. Eigentlich stecken irgendwann alle Tätigkeiten außer essen, schlafen, Fernsehen und Computerspielen in dieser Versau-Maschinerie, wo sie durchlaufen und mit dem Stempel „Verpflichtung“ rauskommen. Wahrscheinlich ist der Kapitalismus Schuld. Vielleicht schaffe ich den mal ab. Man sollte einfach damit anfangen, dass es einem leichtfällt, Dinge zu machen. Und dann macht man sie. Dann würde man auch nicht daran verzweifeln, dass man sie nicht macht, was ja dazu führt, dass man sie nicht macht. Man würde in einen Engelskreis geraten. Was leider ein bisschen langweilig klingt. So nach Engeln, die sich an der Hand halten und Hosiannah singen. Dann lieber doch ein ordentlicher Teufelskreis, wo wahrscheinlich die Musik besser ist und die Character interessanter….

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2 Kommentare zu „Engelskreis

  1. +++ für die Teufelskreis-Engelskreis-Opposition. Inspiriert davon – und von einer Peter-Stein-„Faust II“-Aufführung – diese sich sagen, der Engelskreis ist kein Kreis, sondern eine Spirale, die einen hinauf führt. Immer. Und dann fällt einem auf, dass es vielleicht doch nur zwei + geben sollte, weil unverstanden geblieben ist, dass es nicht zufällig Teufelskreis heisst, sondern dass jeder Kreis des Teufels ist, weil ausweglos.

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