Messerangriff von vorn

Ein Therapeut sagte mir mal: „Wenn Sie mit der Zeit zwischen 20 und 23:30 nicht gut klarkommen, seien sie doch einfach nicht da. Sie mögen doch Sport. Machen Sie Sport.“ Das erwies sich als irgendwie hilfreich. In Maßen. Am Montag zum Beispiel wollte ich das zweite Mal zum Jiu-Jutso. Ein Widerwille griff den ganzen Tag lang an, der bemerkenswert war. Als wäre ich eine literarische Figur, von der die Autorin will, dass sie eben kein Jiu-Jutso macht. Vielleicht weil sie dafür vorgesehen ist, später im Buch mal von 8-Klässlern verhauen zu werden. Und wer glaubt das dann noch? Reich an Erfahrung im Nicht-Machen habe ich irgendwann mal die Erkenntnis gehabt: Machen ist meistens bessr als Seinlassen. Also fuhr ich hin, hoffte ein bisschen, dass es ausfällt oder dass ich nicht in die Halle reinkomme. War aber nicht. Ich habe ja Rücken und im letzten Jahr hatte ich auch Schulter und Ellenbogen und Handgelenk. Irgendwas scheint mein Körper mir sagen zu wollen, ich bin noch nicht drauf gekommen, was es ist. Also Jiu-Jutso. Wehren gegen Messerstich von oben, vorne, von der Seite. Da die Technik gegen den Messerstich von vorne vorsieht, dass man den Angreifer am Ärmel packt, hatte ich zumindest als Messerstecher von vorne ganz gute Erfolge, weil ich nur ein T-Shirt anhatte. Ich habe mal früher Judo gemacht. Mit Scha!. Da hatte ich den Verdacht, dass man eigentlich nur lernt, sich gegen Leute zu wehren, die einen Judo-Anzug anhaben. „Technik gegen Judo-Anzug-Träger mit Messer von vorne“ oder so. Ich habe im letzten Jahr mit Kravmaga angefangen, was ich schon deswegen toll fand, weil eine Freundin von Ross aus friends das machte. Außerdem verspüre ich ja eine leichte Israel-Solidarität. Kravmaga gab es aber irgendwie nicht mehr, als ich mal wieder hingehen wollte. Ich war mir auch nie so sicher, ob das für mich die richtige Herangehensweise an körperliche Auseinandersetzungen war, denn die Techniken beruhen im Wesentlichen darauf, den Gegner totzuschlagen. Oder fast. Die Schlagzeile mit den toten angreifenden 8.-Klässlern würde ich mir gerne ersparen. Ich finde die Ausrede „Der hat angefangen“ ja auch selber nicht so gut.

Also jedenfalls Messerangriffe und Fallübungen und so. Mein Rücken blieb stabil. Ach was ich noch erwähnen wollte: Ein Schüler von mir war da. Wir siezten uns da tapfer, entgegen der Dojo-Gepflogenheiten. Ich fand es eher doof, dass er da war, aber auch nicht so schlimm. Als Ex-Internats-Lehrer bin ich Körperkontakt mit Schülern gewohnt. Wollte ich grad schreiben. Das klingt aber sehr nach Odenwald-Schule. Ich meine eher, ich habe mit ihnen Handball gespielt, neben ihnen geschwitzt und gekotzt, z. B. Ist aber auch ein bisschen anders, als das was jetzt kam:

Bodenkampf. Erst wälzte ich mich mit so einem 18-Jährigen drahtigen 55-Kilo-Jungen rum, der allerdings drei schwarze Gurte in verschiedenen Kampfsportarten hat. Er behandelte mich schonend. Das war noch für beide gut. Dann gab es Partnerwechsel, ich gab meinem Schüler einen Korb (das dann doch nicht) und landete vor einem Herren, der sich über den Messerangriff von vorne keine großen Gedanken über seine inneren Organe machen muss. Wir wuchteten dann aneinander rum, ich entkam mit purer Kraft einigen Hebeln, was ihm Respekt abnötigte und mir Puste. Kurzum: Ich würde euch raten, Bodenkämpfe zu meiden, wenn sie nicht dem Vorspiel dienen. Ich hatte danach Kopfweh, leichtes Zittern und auf der Rückfahrt wurde mir übel. Ich kotzte, nachdem ich filmreif am Straßenrand angehalten hatte, zum Teil auf meinen Schuh. Dann fuhr ich weiter und mir wurde schwindlig. Ich hielt wieder an und erwog, ob ich F. anrufe, damit die mit dem Fahrrad angefahren kommt und mich abholt, drei Minuten weg von zu Hause. Nach den Verletzungen im letzten Jahr hat F. jedoch, naja, eine gewisse Skepsis angesammelt, was mein sportliches Engagement angeht. Ich beschloss, da muss ich durch. Entschwindelte mich irgendwie, fuhr ausnahmsweise mal in der Tempo-30-Zone 30, kam nach Hause, trank lecker kaltes Mineralwasser. Und kotzte wieder. Dann schickte ich mich an, Mitleid von F. einzuholen. Und öffnete ich ebay, um auf einen Judo-Anzug zu bieten.

Bildquelle

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2 Kommentare zu „Messerangriff von vorn

  1. Guck doch so Judo-Serien, jeden Tag ne Folge, geht auch außerhäusig in der zeit von 20 bis 23:30 Uhr.

    Außerhäusig hat den Vorteil, dass ja dann eure kruden Regeln greifen.

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