Es könnte alles so einfach sein

Eines Tages bin ich einfach losgegangen. Mit meinem Laptop, meiner druckfrischen Langzeitbeurlaubung, ein paar Keksen und so ca. 800 €. Seitdem ziehe ich durch die Welt und berichte von ihren Kuriositäten, lese und schreibe viel.

Halt. Mache ich nicht. Macht Andreas Moser. Ich mache das Gegenteil. Ich sitze in einem Haus, bin Beamter und gebe Geld für Kabel aus, von denen sich später immer herausstellt, dass es nicht die richtigen sind.  Und ich sehe Filme und Serien, bei denen sich später immer herausstellt… Ja, und ich habe eine Familie. Das ist schon die richtige.

Andreas Moser hat in einem TED-Beitrag erzählt, warum es wohltuend und gar nicht so schwierig ist, das zu tun, was man gerne möchte TED-Vortrag (unter dem Fenster fasst er den Vortrag knapp zusammen). Kennt man ja alles, man solle so leben, als wäre es der letzte Tag und Carpe diem und „Wieviel Farben hat die Wirklichkeit“. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Philosophie und Literatur. Die Philosophie behauptet nur, eine gute Geschichte zeigt aber. Und die Geschichte von Andreas zeigt  recht gut. Auf seinem blog. Wenn man einmal wie er in einem iranischen Gefängnis war, hat man wohl auch weniger Angst davor, fremde Menschen nach dem Weg zu fragen (oder so richtig Angst davor) Ich war einmal auf Malta mit meiner damaligen Freundin. Sie war immer sehr aktionistisch, so dass ich mit ihr in dem knappen Jahr unserer Beziehung mehr erlebt habe als in fünf Jahren alleine. In dem Fall wanderten wir so auf Malta rum und wir hatten keinen Bock mehr und es wurde dunkel und sie meinte, wir würden jetzt ein Auto anhalten und uns mitnehmen lassen. Ich fühlte mich ein bisschen, als hätte Gollum in Mordor Sam und Frodo vorgeschlagen, einfach mal zu schauen, ob ein Ork-Bus sie nicht vielleicht bis zum Schicksalsberg mitnehmen könne. Aber das konnte ich in der knappen Zeit nicht darstellen. Wir fuhren dann mit einem Pick-Up (!) mit, auf dessen Ladefläche auch noch ein, zwei Malteser saßen. Ich dachte darüber nach, ob ich die schaffen würde, wenn sie jetzt in ein Waldstück abbögen, um über meine Freundin herzufallen. Ihr seht natürlich den Unterschied zu Andreas Moser: Er hat keine Freundin, und da er sie auch beim Sonnenuntergang mit Belehrungen beehren würde, bleibt das wohl auch erstmal so: Sonne geht nicht unter. Die Malteser Pick-Uper fanden meine Freundin dann aber entweder uninteressant oder sie waren einfach keine Verbrecher. Kann sein. Ich nehme an, Andreas würde mir antworten, dass man sich ein paar Mal überwinden müsse und dann würde es ganz leicht gehen und auf einmal geben die Menschen einem Schnaps in Montenegro, Cola auf 4000m Höhe in Bolivien, Autogramme von Heydar Aliyev in Aserbeidschan und fröhliche Musik in Peru. Diese durch-die-Welt-zieh-Nummer ist jedoch gar nicht die, die mich herausfordert. Ich habe mich in der Vorstellung eingerichtet, dass die Kinder zu ihren Festen sinnlosen Scheiß kriegen müssen, den sie zwei Wochen später nicht mehr ansehen, dass wir alle zwei Jahre einen Urlaub machen müssen, der 3000€ kostet und dass ich immer gut mit Kabeln versorgt sein muss, auch wenn sie nicht die richtigen sind. Zudem kann man mangelnden modischen Ideenreichtum oder Outfit-Denkfäule immer durch sichere Investitionen in Markenklamotten ausgleichen. Das ist ein Grund, warum ich weiter Lehrer bin. Wahrscheinlich würden wir aber mit 35% weniger Geld nicht 35% weniger zufrieden sein. Aktuell probiere ich das aus, indem ich mir 200 € Taschengeld im Monat zuteile, davon schreibe ich sicher bald noch. Rumreisen mit einem 14-Jährigen, einer 10-Jährigen und einem 7-Jährigen passt grad nicht gut: geschenkt. Trotzdem ist die Idee bescheuert, Dinge, die man gerne tun will, die nächsten 12 Jahre lang jetzt nicht zu tun und das den Kindern anzuhängen. So wie die meisten Paare auch gar nicht Sex auf dem Küchenfußboden haben, wenn die Kinder ausgezogen sind (ich glaube, das kommt aus Harry und Sally, ich war mir nicht so sicher und habe gerade Sex auf dem Küchenfußboden gegoogelt. Ich bin so naiv…).

Engelchen und Teufelchen auf der Schulter waren gestern. Ich habe jetzt einen Andreas Moser auf der Schulter. Ich habe eben versucht einen bescheuerten Hollywood-Film zu gucken, bin dabei seinen Einflüsterungen erlegen und schreibe jetzt das hier. Kurz nach dem Urlaub haben meine damalige Freundin uns ich uns übrigens damals getrennt. Irgendwie passte es nicht.

Das Bild zeigt die Insel Taquile im Titicaca-See und ist aus Andreas´blog. Taquile

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7 Kommentare zu „Es könnte alles so einfach sein

  1. Haha, bei der Malta-Mordor-Episode musste ich laut lachen!

    Ganz ehrlich, ich hatte früher auch Bammel davor, per Anhalter zu fahren. Nicht aus Angst vor Vergewaltigung oder Raub, sondern aus Schüchternheit oder Angst vor sozialem Kontakt, insbesondere in Ländern, wo ich die Sprache nicht spreche. Ich gehe dann lieber stundenlang durch die Dunkelheit anstatt jemanden um Hilfe zu fragen. Auch bei mir hat das mal eine ehemalige Freundin geändert, die da einfach viel direkter war. Und es hat geklappt, fast immer! Ein bisschen hat davon abgefärbt und jetzt traue ich mich öfter. Aber meist muss ich mich doch dazu überwinden. (Die Angst vor Hunden, denen ich sonst über denWeg laufen könnte, hilft.) Auf der Osterinsel bin ich auch einmal auf einem Pick-Up mitgenommen worden.

    Das mit dem Abschwören gegenüber Besitz und Konsum kam bei mir auch erst mit der Rückkehr vom Arbeits- zum Studentenleben und dementsprechend geringerem Einkommen (ich arbeite noch freiberuflich als Übersetzer für Englisch und Deutsch, aber so viel bringt das nicht, und vor allem nicht stetig). Aber viel mehr half das ständige Umziehen. Wenn man alle 6 Monate den Rucksack und eine Sporttasche packt, dann überlegt man sich einfach jeden Kauf dreimal. Zusätzliches Zeug ist dann schnell mehr Belastung als Freude. Manchmal habe ich mich schon dabei ertappt, insgeheim froh zu sein, wenn ein Hemd so zerrissen ist, dass es weggeworfen werden muss. Noch weniger Gewicht und Platz! Und drei Hemden reichen irgendwie auch.

    Ich möchte auch klarstellen, dass ich nicht einer von den Weltreisenden bin, die finden, dass jeder Weltreisender sein sollte. Beziehung und Familie lässt sich damit zum Beispiel schwer vereinigen. In meinem Fall verspürte ich niemals den Wunsch dazu, so dass das kein großer Verlust ist, aber das scheint den meisten Menschen anders zu gehen. Für viele wäre die Unstetheit auch belastend, habe ich den Eindruck. Für mich ist es Freiheit, nicht zu wissen, wo ich in 12 Monaten wohnen werde (zur Zeit habe ich einen Plan bis August, also 8 Monate im voraus – für danach habe ich nur vage Ideen, davon aber zu viele). Viele andere fänden das stressig.
    Ich versuche eher, zu motivieren, auch im Alltag Möglichkeiten für kleine Abenteuer auszuloten. Dazu diese Geschichte: https://andreas-moser.blog/2017/03/04/abenteuer/

    Das abenteuerlustige Teufelchen und das träge oder ängstliche Engelchen sitzen übrigens auch auf meinen Schultern. Ich würde gerne mal eine richtig lange Wanderung machen, ein paar Monate nur zu Fuß. Warum habe ich das noch nicht gmacht? Abgesehen von Ausreden kann das nur Trägheit oder Angst sein. Ich würde gerne öfter ohne Plan reisen, so richtig ins Blaue hinein. Das ist eigentlich nicht mehr Charakter, aber ich wäre gerne spontaner. An vielen Sachen muss ich selbst noch arbeiten, mich vielleicht manchmal zwingen. Dabei hilft hoffentlich der Blog.
    Eine der interessantesten Dinge am Reisen ist, dass ich Menschen getroffen habe, die echte Abenteurer sind. Manchmal schon zu krass für mich, so wie der rumänische Junge, der nur per Anhalter die Welt umrundet hat: https://andreas-moser.blog/2016/09/12/auf-der-suche-nach-einem-grossen-rumaenischen-abenteurer-fand-ich-einen-grossen-rumaenischen-abenteurer-aber-einen-anderen/ Oder wie das russisch-kanadische Paar, die als Hochzeitsreise zwei Jahre lang per Anhalter um die Welt reisten, von Russland nach Kanada, aber mit allen möglichen Umwegen. Solche Menschen zu treffen, gibt mir immer eine Menge Motivation und Energie. Man sieht dann plötzlich, dass es eigentlich auch ganz normale Menschen und keine Superhelden sind, die so etwas machen.

    Ebenso froh bin ich aber, über Deinen Kommentar auf Deinen Blog gestoßen zu sein!

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  2. Danke für deine ausführliche Antwort! Ich habe die Europa-Wanderrouten auf deinem blog gesehen. Sogar mehrfach. Da wanderst du bald entlang. Blöd nur, dass du dich für Klausuren ausfliegen lassen müsstest und dich dann wieder abspringen musst.
    Timo ist mir beim erstmaligen blog-Lesen glatt durch die Lappen gegangen. Cooler Typ. Ich muss aber auch sagen, dass er ein bisschen getriebener wirkt als du. Manche wollen ja vor allem weg wie bei Element of Crime: Immer unter Strom. https://www.youtube.com/watch?v=kVCjtxbdsIw Das Video ist vernachlässigbar.
    Was ich übrigens etwas verwirrend finde, wenn man deinen blog chronologisch liest, ist, dass die Berichte das nicht unbedingt sind. Ich weiß, du bist in Montenegro und schwupps, schon wieder was von den Osterinseln. Manchmal dachte ich schon, du sitzt die ganze Zeit in Amberg und erfindest alles fachkundig und Internet-gestützt. Wie Tilmann Rammstedt in: Der Kaiser von China, was ich aber auch sehr schätze.
    Damit du nicht durcheinanderkommst dabei: Jetzt müsste Wien dran sein, glaube ich. Blumen gießen.
    Viel Spaß dabei.
    U.

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  3. danke für eure stets ausführlichen kommentare, 3er und scha! ich habe die immer gelesen, mehrfach. blöd nur, dass ihr euch eine andere stadt suchen müsstet, um lehrer zu werden – geht doch nach brandenburg. oder guckt euch ein video von rainald grebe an.
    ich finde das übrigens etwas verwirrend, was ihr manchmal so schreibt, gerade die diskrepanz zwischen innen- und außenperspektive. wie tilmann rammstedt in: erledigungen vor der feier, was ich aber auch sehr schätzte.
    damit ihr nicht durcheinanderkommt, ihr seid in berlin. bier trinken.
    viel spass dabei.
    s.

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  4. Wer ist verstimmt? Ich verstehe gar nichts mehr. Könnt ihr nicht eure Kommentare unter die texte schreiben, die Ihr kommentiert? Ich will gar nicht Lehrer werden!
    Und G., mach uns mal kein U. für `n G. vor!

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