the past ist nie simple

Habe dieses Jahr 25 Jahre Abitur. Einer meiner Selbsttests besteht immer darin, dass ich mir ausmale, ich hätte Klassentreffen und würde erzählen müssen, was ich so mache. Vorher hätte ich dann rund 2 Klio abgenommen. Das würde eigentlich dafür reichen. Aus meiner Klasse ist eigentlich aus niemandem so richtig was geworden. Naja gut, einer ist Mitglied im Abgeordnetenhaus – der mit dem dubiosesten Charakter, andere sind so Ärtzte und so. Eine hätte was werden können, war auch schon Staatsanwältin, hat sich aber dann dafür entschieden, sich um die Kinder zu kümmern. Ist natürlich legitim, aber auch ein bisschen verschwendet. Kann man da nicht den Mann zwingen zu Hause zu bleiben, wenn die Karriere der Frau eigentlich vielversprechender ist? Naja, ich würde dann sagen, ich bin arbeitslos, habe aber was in Aussicht. Was mit Medien. Ich fänd das ganz gut, so Understatement zu betreiben, würde es aber wohl auch nicht duchhalten, wenn dann alle peinlich berührt „mal noch was zu trinken“ holen gingen.  Zumal meine Klassenkamerad*innen mir damals schon attestiert hatten, ich würde Lehrer werden. Was ich ganz tröstlich fänd an so einem Klassentreffen, ist, dass die ganzen Frauen aus meiner Klasse, die mich immer nervös gemacht haben, nun alt sind. Ich hingegen habe mich erstens gut gehalten und bin zweitens ein Mann, da ist alt nicht so schlimm. Ich sehe also relativ gesehen nun besser aus als die. Folglich werden sie versuchen mich zu verführen, wie ich das einst versuchte (mit so rasanten Ansagen wie: „Du, ich glaube, ich finde dich immernoch gut, hat sich leider noch nicht geändert, ja, blöd.“), ich würde zum Schein darauf eingehen, sie aber dann abblitzen lassen und ihnen von F vorschwärmen. Oder so. Ich frage mich schon ein bisschen, warum ich denke, dass damit irgendwem geholfen wäre, aber ich denke dennoch, dass mir damit geholfen wäre. Ich denke auch manchmal, wenn ich jetzt so eine Zeitreise machen würde wie sie ja in populären Spielfilmen populär ist, würde ich alles schaffen. Mit meiner Expertise von heute und dem Körper von damals: Zack. Außerdem müsste ich mich auch nicht übergeben, wenn ich Jiu-Jutso gemacht habe. Die Ziele, die ich damals hatte – auch die weiblichen – hätte ich allerdings nicht mehr. Die waren überwiegend normal und langweiligt. Also doch nicht: Zack. Nur Mathe könnte ich noch immer nicht.

Wenn mein Ich von in 15 Jahren bei mir vorbeikäme, würde der wahrscheinlich erstmal aufräumen und mir einen Vortrag über Verschwendung und Effizienz halten. Das Leben ist zu kurz um rumzusitzen und die Wand anzustarren, würde Ich sagen. Ich wäre wahrscheinlich ein ganz guter Motivationstrainer für mich. Schreib deinen Fantasy-Roman, mache deinen Politik-Glossen-Blog, lass das mit diesem „schaut mal wie ich aufschiebe-blog“, den liest eh keiner, lass Jiu-Justo sein, mach lieber einen Waffenschein, lass die Blätter im Garten liegen, deine Vermieterin kündigt dir eh nicht, sei netter zu F, sonst haut die noch ab, gib deinen Sohn auf eine Montessori-Schule statt ihn auf der Assi-Schule im Probembezirk zu lassen. Werde selbst Lehrer auf einer Montessori-Schule, lass deinen Beamten-Status ruhen, dann verdienst du auch weniger und es wird leichter, überhaupt kein Lehrer mehr zu sein. Schreib einen Comming of Age Roman. Und bitte come of age.

Das Bild ist Orpheus in der Unterwelt beim Rückblick. Hat scha! auch mal kunstvoll in die Silvesterrede 95/96 eingewoben.

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7 Kommentare zu „the past ist nie simple

  1. „liest eh keiner“ – mit einer solchen Geringschätzung der wenigen Niemande vergrault man auch diese noch. Von Dir werden wir später, wenn Du ein Star geworden bist, nicht sagen: „Der ist auf dem Biden geblieben/geerdet/authentisch/der weiss, wo er herkommt“! Sondern: „abgehoben/arrogant/der vergisst, wer ihn groß gemacht/unterstützt/an ihn geglaubt hat“!
    Aber wenn Du all die Oppositionen oben als gruppiertes Entweder-Oder betrachtest, dann sind wir ja eh in einem moralischen Dilemma: Netter zu F. sein, heisst, diesen Blog hier aufgeben. Amen.

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  2. Jetzt sind mir die vorhandenen Leser natürlich lieb, teuer und allemal genügend, wenngleich ich zur Kenntnis nehme, dass mein Durchbruch mit diesem blog wohl nicht gelingt. Aber in Zukunft werdet ihr das auch nicht mehr lesen, sagt mein Futur-Ich. Keine Ahnung, warum.

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  3. Ich lese den Blog ja eigentlich nicht, aber Politglossen würde ich noch weniger. Den Fantasyroman hingegen würde ich konsistent vorgeben, mehrmals gelesen zu haben.

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