Sich waffnend gegen eine See von Blagen

Shakespeare. Man sagt ja dem Grauen und dem Mitleid einen Reinigungseffekt nach, solange man das Grauenvolle und das Mitleidserregende als Zuschauer*in betrachtet (Aristoteles und Lessing z.B.). Ich frage mich, ob es nicht auch klappt, wenn man es selbst erlebt. Montagmorgens zum Beispiel. Heute Nacht rief Sohn 1 mehrfach, dass er Angst habe und kuscheln wolle. Das erste Mal habe ich ihm lustige Kinderwitze angemacht. Das zweite Mal rief er, ob er nicht zum Kuscheln rüberkommen könne, was er dann tat. Sohn 2 duschte nachts um 3, nachdem er seinen Praktikumsbericht fertiggeschrieben hatte. Beim montagsmorgendlichen Kinderwecken wünsche ich mir immer, ein Au Pair zu haben. Oder irgendwo anders eins zu sein. Die Tochter steht eigentlich nur auf, wenn man ihr droht. Der Sohn 1 bekommt regelmäßig Misantropie-Anfälle, wenn man ihm die Notwendigkeit des Aufstehens erläutert. Heute hat er erklärt, er hasse die Schule. Meine erste Reaktion ist immer zu sagen, ich auch. Ich bat dann aber um Differernzierung und fragte, ob er wirklich die Schule oder frühes Aufstehen hasse. Na gut, es könne das frühe Aufstehen sein, räumte er ein. Zuvor hatte ich eine Auseinandersetzung mit ihm über das Anziehen. Seit er in der Schule ist (also seit Sommer) habe ich ihn manchmal noch im Bett morgens angezogen. Aus Mitleid, weil er auf einmal eine Stunde früher aufstehen musste als für den Kindergarten. F. gab mir den Tipp, dass er das durchaus alleine könne. Grundlage der Father to Son-Auseinandersetzung war eine Ungenauigkeit der deutschen Sprache. Er hat nämlich mehrere Vlies-Pullover, die aber gar nicht aus Vlies-Stoff sind, also auch nicht Vlies heißen. Sie haben vorne einen Reißverschluss, man könnte sie also Strickjacke nennen, sie sind aber nicht gestrickt. Kapuzenpullover auch nicht, da sie ohne Kapuze daherkommen. Ich flüchtete mich also zum vermeintlichen Oberbegriff: er habe seinen Pullover auf der Treppe fallenlassen und er möge doch erwägen, ob sich der Weg zurück sich nicht vielleicht lohnen würde. „Da ist kein Pullover.“ „Doch, der liegt auf der Treppe.“ „Nein, das ist kein Pullover.“ „Doch.“ „Nein, Arschloch.“ Nun, da war es, das Grauen. Und auch das Mitleid. Mit mir. Währenddessen fuhrwerkte der Sohn 2 am Laptop rum. F. hatte ihn damit vertraut gemacht, dass man einen Praktikumsbericht auch ausdrucken müsse, bevor sie zu ihrem Pendel-Job abdüste. Eine kleine Aggression in mir hoffte, dass wir nicht genug weißes Papier hatten, damit er mal sehen könne, wie das klappt, wenn man alles im letzten Drucker machen will. Hatten wir aber doch. Der Sohn 2 ist 14 und kennt sich mit Computern so aus wie ich, als ich 14 war. Nur gab es da quasi noch keine Computer. Also wählte er irgendwelche virtuellen Drucker aus. Ich reparierte rasch das Licht am Fahrrad von Sohn 1. Das hätte ich nun eigentlich auch gestern machen können. Es klappte auch nicht. Als das Frühstück sich dem fünften Akt näherte, begann ich schon, vereinzelt Dinge abzuräumen. Mein Plan sah nämlich vor, dass ich diesmal schlafen würde, bevor die Putzfrau kommt. Dafür musste aber bis 10 alles ordentlich sein. Sohn 1 hatte sich mittlerweile einen anderen Strickjacken-Vlies-Kapuzenpullover-Pullover anziehen lassen, fachte die dramatische Handlung aber dadurch an, dass er der Schwester verbot, von seinem Hagelslag zu essen. „Dann kann ich ja nichts essen!“ rief sie. Ihre Geschmackstoleranz ist sehr gering. Die Tochter war sonst heute erstaunlich brav, abgesehen davon, dass sie mit Blick auf eine riesige Küchenuhr isst, es aber schafft, dort nie draufzusehen. Vielleicht kann sie mit 10 Jahren auch die Uhr noch nicht lesen.Nach meinem Drängeln stand sie um 7:45 noch immer im Flur und richtete ihre Kleidung, was ich nur merkte, weil ich ihr die Apfelstücke hinterhertrug, die ich zwischendurch geschnitten hatte. Sie schafft es dann immer, in so eine Zeit-Blase zu gelangen, wo alles andere egal ist. Wie bei so einem Spielzeug, bei dem die Batterie schwach ist, so dass man es immer wieder anschubbsen muss, damit es etwas macht. Dann fährt es ein paar Schritte und bleibt wieder stehen. Ich drohte ihr an, dass das gleich einen Euro kosten würde. Das ist eine von vielen Regeln, die ich hier und da mal anfallartig erlasse und wieder vergesse. Der Sohn 2 war mit dem Bericht-Drucken fertig, wollte aber noch PDF-Dokumente ausdrucken, bei denen er in der Nacht nicht herausgefunden hatte, wie man sie speichert. Süß. Er denkt offenbar, dass man etwas speichern muss, damit man es ausdrucken kann. Sonst ist es ja nicht da. Oder so. Sohn 2 und die Tochter gehen in die gleiche Schule, Sohn 2 will aber nicht mit der kleinen Schwester gesehen werden, deswegen muss sein Zeitmanagment hergeben, dass sie nicht gemeinsam fahren. Er muss also entweder im Flur an ihr vorbeisprinten und losrasen oder den Aufbruch künstlich verzögern. Wenn ich mal Zeit hätte, wäre das durchaus amüsant zu betrachten. Sohn 1 wollte nun noch mehr essen, fand aber die Butter zu hart. Butter ist immer zu weich oder zu hart. Ich würde ja Margarine kaufen, aber meine Familie würde mich dafür hauen. Da die Tochter und Sohn 2 irgendwie gegangen waren – bei der Tochter weiß man allerdings nicht, ob sie nicht nur einfach draußen ihre Kleidung weiter richtet – erwähnte ich Sohn 1 gegenüber, dass es anstrengend sei, morgens drei Kinder zu versorgen und dass ich verstehe, wenn er sauer ist, da er ja wichtig ist, dass er mich aber nicht beleidigen möge. Das war ihm eigentlich egal. Zähneputzen ging er aber trotzdem mit. Allerdings klärte er mich auf, dass das leider eine Zahnpasta sei, die er nicht möge würde. Das Zähneputzen morgens ist eher symbolischer Art. Er fuchtelt ein bisschen mit der Zahnbürste rum und ich finde dann, er muss los. Ich denke dann, naja, gewöhnt er sich für später an, morgens Zähne zu putzen. Dann macht er es sicher auch richtig.  Der Schulweg verlief dann ganz gut. Erstens ist es morgens endlich hell genug, so dass man kein Licht mehr braucht. Zweitens ging das Licht irgendwie doch wieder.

Kinder wehren sich immer dagegen, wenn man will, dass sie ihr Telefon für so etwas wie telefonieren benutzen. Kurz bevor alle unten beim Frühstück waren, hatte ich noch folgendes Gespräch mit Sohn 2:

Hier hängt die Nummer von deinem Trompetenlehrer. Fotografier die mal ab und nimm heute dein Handy mit.

Warum?

Na, damit du absagen kannst, wenn du auf einmal wieder Kopfschmerzen hast wie letzte Woche.

Da hätte ich die Nummer aber hier zu Hause gebraucht.

Ja, fotografiere sie trotzdem ab, dann kannst du anrufen, wenn du einen Bus verpasst und den nächsten auch.

Na, ich fahre seit einiger Zeit mit dem Fahrrad zum Trompeten.

Ja, mach es trotzdem, vielleicht fällst du mit dem Fahrrad ja um.

Dann musste ich mich um was anderes kümmern. Morgen ist Dienstag. Da muss ich Sohn 1 um 8 in die Schule bringen und um 8 selbst in meiner Schule sein, die rund 3 Klimometer entfernt ist. Das ist immer spannend.

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5 Kommentare zu „Sich waffnend gegen eine See von Blagen

  1. +++. Ein Sternchen hätte es noch gegeben, wenn der Schlußapplaus nicht von mir hätte kommen müssen und/oder ein deus ex machine erschienen wäre. Neuere Philologie behauptet übrigens, es hieße besser „Jammer und Schauder“ statt „Furcht und Mitleid“. Allerneueste Philologie sagt: „Oberteil“ statt „Strickjacken-Vlies-Kapuzenpullover-Pullover“. Da ist die deutsche Sprache dann vage aber dennoch fehlerresistent – und arm.

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  2. Schön, dass dich die Pullover-Diskussion auch schon erfasst hat. Auch das beamen in die zeitlose Blase kommt mir von meinen Mädels sehr bekannt vor.

    Jammer nicht rum, schließlich hattest du nach der 3/4 Std. morgendlichen Stress frei und warst nicht auf dem Weg zur Arbeit, streiche Arbeit, ersetze es durch Lehrerzimmer.

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