Die Schreibblockade

Ich will ja eigentlich schreiben. Also nicht das hier. So richtig.  Gestern sogar so doll, dass ich googelte, ob es Agent*innen für Fantasy-Romane gibt. Mitten auf dem Fußballplatz mit Schneedecke im Sonnenschein, der gleißte. Während der Aufsicht um 10 Uhr. Danach hatte ich nämlich Vertretung in einer 5. Klasse und darauf keine Lust. Es gibt ja so Momente als Lehrer, in denen es um existenzielles Überleben geht. Ein Extrembeispiel: Man sagt, sei leise, sie sind aber nicht leise. Als Pädagoge denke ich dann: Gut, ich muss Geduld haben, ihr Verhalten hat ja einen Grund. Als Mensch denke ich dann: Die respektieren micht nicht, ich sollte sie hauen. Oder wenigstens mit Paintballgewehren beschießen. Meistens mache ich dann irgendwas dazwischen. Ich bin kein Typ, bei dem die ganze Klasse leise wird, wenn ich den Raum betrete, meine Nase ist aber auch kein Tanzschuppen Mittlerweile sind Klassen sogar überdurchschnittlich leise in meinem Unterricht. Spaß macht das aber nicht immer so richtig. Und es bleibt eine gewisse Furcht vor den Insassen einer 5. oder 5. oder 7. Klasse (Die sind wie Tiere, die spüren, wenn du Angst hast).

Ich will ja eigentlich schreiben. Davor habe ich allerdings offenbar auch eine gewisse Furcht. Und da mich niemand dafür bezahlt, lasse ich es auch ganz bleiben. Mein derzeitiger Beruf hindert mich allerdings daran, zu schreiben. Und die Kinder. Und die Tatsache, dass man ein wenig vereinsiedelt, wenn man schreibt. Und die Tatsache, dass ich viel mehr Politik machen müsste wegen der zerbrochenen Einrichtung der Welt. Was mich aber am meisten hindert sind Ablenkungen. Vorgestern sah ich Captain America: Civil War. Kein schlechter Film. Im wesentlichen hauen die Avengers sich gegenseitig und machen dabei Witze. Man hat das Gefühl, der Regisseur hätte seine Spielkiste aufgeräumt und lauter Superhelden darin gefunden. F. die mit einem Auge Klausuren korrigierte und mit einem zusah, meinte, es würde sie nicht wundern, wenn Alf und Garfield auch gleich noch mitmischen würden. Die Botschaft: (Captain) Amerika sollte militärische Alleingänge machen, auch wenn die UNO dagegen ist. Und die Waffenfabrikanten (Ned Stark, ach nee: Tony Stark) wollen das verhindern, machen  aber auch irgenwie mit. Jedenfalls bin ich anfällig für Ablenkungen. Ich bin dann süchtig nach allem, was nicht das ist, was ich machen sollte. Außer bügeln.

Ich will ja eigentlich schreiben. Am liebsten Fantasy, da ich das gern lese und endlich mal nicht auf das nächste 700-Seiten Buch warten müssen will, sondern mir einfach selbst überlegen kann, wie es weitergeht. Für diese 700-Seiten-Bücher erwarb ich ein ebook-Reader, denn im Alter werde ich langsam zu schwach, diese Buch-Giganten zu halten. Oder Buch Gigantinnen. Ein Haken ist: Ich bin ausgesprochen lustig, auch wenn ich schreibe. Hier nicht, das ist eine ernste Sache. In Fantasy-Literatur kann ich aber eine lustige Grundhaltung nicht ausstehen, z. B. Terry Pratchett. Mein Therapeut, der immer viel lacht, wenn ich ihn aufsuche, empfahl mir auch einen Genre-Wechsel. So kam ich auf meine Idee mit dem Coming-of-Age-Roman zurück. Jedes Mal, wenn ich den anfing, interessierte es mich aber nicht, wie es weitergeht. Ich vermute auch, dass man mit Fantasy mehr Geld verdient als mit einem Buch, wo ein junger Mann nach dem Studium nicht so recht weiß, was er machen soll und sich verliebt. Baz Luhrmann (Regisseur von Rome und Julia) erwähnt in seiner famosen Abschlussrede 1999 in der Filmhochschule:

Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie nicht wissen was Sie aus ihrem Leben machen wollen, die meisten interessanten Leute, die ich kenne, wussten mit 22 auch noch nicht, was sie aus ihrem Leben machen wollten. Einige der interesantesten 40 Jährigen wissen es immer noch nicht.

Sonnencreme

(Minute 2:00)
Damit fuhr ich in den letzten Jahren ganz gut: Ich weiß mit 40 noch nicht, was ich mit meinem Leben machen will. Das heißt: Ich bin interessant. Nur weiß ich es ja eigentlich:
Eigentlich will ich schreiben. Ich dachte daran, erstmal meinen sozusagen fertigen Fantasy-Roman auszudrucken. Er muss „nur noch“ überarbeitet werden. Als Student habe ich gerne Bücher kopiert. Insgeheim glaubte ich dann schon, dass ich sie nicht mehr lesen müsste. Vielleicht ist das mit dem Ausdrucken auch so. Oder ich mache ein großes Plakat an die Wand, wo ich viele Pfeile und Linien und Namen hinschreibe. Mein Projektprojekt. Ein weiser Mensch wird mal sagen: Was man eigentlich will will man eigentlich gar nicht. Sonst täte man es ja. Aber so einfach ist die Welt auch wieder nicht.
In der 5. Klasse war es dann ganz nett. Nach einem Blick ins Klassenbuch sah ich, dass ein Mädchen als immer störend darin stand. Die hatte aber gar nicht gestört, sondern total brav gearbeitet. Ich ging am Stundenende hin und fragte: „Warum störst du denn nicht mehr?“
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3 Kommentare zu „Die Schreibblockade

  1. Danke, dass du das erkennst. Ich dachte schon, ich müsse das selbst schreiben. War aber nicht so sehr so. Man kann die ganze Klasse im Klassenburch loben, das finde ich persönlich aber immer ein bisschen absurd. Einzelne habe ich noch nicht gelobt gesehen. Ist wohl besser für die.

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  2. Das sagte ich schon zu Referendariatszeiten, dass du strenger sein musst und ordentlich schlechte Noten zu verteilen sind. Hättest du dich mal dran gehalten.
    Relativiere die 5.–7. Klässler mal mit den Handelspackern, zu welcher Erkenntnis kommst du?

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