Ein Säugling schwimmt mit einem Geldschein

Ich lernte dann auf der Feier einen Urologen kennen. Der aber eigentlich Künstler war. Wie ich. Nur, dass ich kein Urologe bin. Außerdem hat er am selben Tag an der FU Berlin angefangen Germanistik zu studieren. Crazy. Aber was mir auch gefiel, war, dass er sein Königsteiner Dasein eher als Makel empfand und gar nicht mein Haus mein Auto mein Pferd spielen wollte. Er besitzt zwar ein Haus, kann aber seit zwei Jahren nicht einziehen, weil der Vorbesitzer irgendwas illegal gebaut hat und das muss noch juristisch nachjustiert werden. Später saß ich dann in einer Runde, wo Whiskey aus einem schottischen Mietfass augeschenkt wurde und die Menschen darüber redeten, wo sie waren, als Kurt Cobain starb. Ich schmiss in die Runde, dass ich damals lieber Pet Shop Boys hörte und von Cobain überhaupt erst erfahren hatte, als er gestorben war. Dennoch konnte ich sein Todesdatum auch auf 1994 terminieren. Damals war Individualität offenbar nichts für mich, was ich nach außen tragen wollte. Ich sah auch sehr normal aus. Irgendwer sagte mir mal, dass ich kein Jacket tragen solle, denn damit sähe ich aus wie von der Jungen Union. Eine Frau sagte mir ca. 1996, dass weiße Socken nicht mehr so in seien, also zog ich schwarze an, und 1999 redete man mir aus, Lederschuhe zu tragen. Turnschuhe seien angesagt. Damit hadere ich noch immer. Ich sagte mal zu meinem Nachbarn, man könne doch mit 40 keine Turnschuhe mehr tragen. Er entgegnete, wir seien die Generation, die auch noch mit 80 Turnschuhe tragen würde. Das überzeugte mich nur kurz. Nun trage ich Adidas Spezial. Die sagen: Ich weiß schon, dass ich Turnschuhe tragen muss, aber ich bin über 40. Meine Individualität war allerdings damals schon vorhanden, nur inside. Ich spendete all mein Geld an trerres des hommes. Das hätte Kurt Cobain bestimmt gefallen. Mehr als den ganzen Tag Nirvana hören und dann zu den Jungen Liberalen gehen. Der Urologe und ich, wir wollen eigentlich beide zurück nach Berlin. Ich frage mich gerade, ob das stimmt, und ob ich nicht nur jemand sein will, der eigentlich zurück nach Berlin will. So wie ich jemand sein will, der auch traurig war, als Kurt Cobain starb, auch wenn das leider in so komischen aktuellen Schlagern verwurstet wird (das war die schönste Zeit, ich verlinke das mal nicht). Derjenige, der auf der Feier am meisten Kurt Cobain vermisste, war jemand, der nicht so aussah und Jurist bei einer Bank ist. Er hatte sich sogar eine Legende zurechtgelegt, dass er es erfahren habe, als er in seinem roten Ford Fiesta saß und überlegt hatte, ob er daraufhin gleich gegen einen Baum fahren solle. Nach meiner Einordnung in das Jahr 1994 stürzte er in eine kleine Krise, weil er da noch keinen Führerschein hatte. Ihr hättet den Gesichtsausdruck seiner Frau sehen sollen, als sie dem Gastgeber offenbarte, dass er ständig irgendwas behauptet und dann irgendwann glaubt.

Es gibt eine Untersuchung über Wehrmachtssoldaten, die alle Widerstandsgeschichten von sich von früher erzählen. Man hat den Geschichten nachgespürt und herausgefunden sind, dass sie sich a) auffällig gleichen und b) schon von anderen niedergeschrieben wurden. Wenn die Geschichten alles stimmen würden, würde die Wehrmachtkommt als Hort des Widerstands gleich nach der Weißen Rose kommen… Googelt es selbst.

Ich kam nicht dazu, die Königsteiner Runde durch Berichte aus meinem fast-depressiven Aufschiebeleben zu unterhalten. Ich hatte auch den Eindruck, die society sei irgendwie zu high da, als dass sie das Konzept Prokrastiantion besonders nachempfinden könnte. Ich pimpte stattdessen meine beruflichen Highlights wie Lehrer auf einem Schiff und Lehrer in einem Internat etwas auf,  ganz ohne fame will man ja auch nicht 500 km hin und 500 km wieder zurück fahren. Außerdem bin ich ja geheilt. Mein „Heute fange ich wirklich an“-Programm klappt gut. F sagt, das zähle nicht, weil ich damit nur meinem Hobby nachgehe, aber solche Präventiv-Renegatinnen machen mich nur stärker. Was hätte Sisyphos erreicht, wenn eine missgünstige Kameradin ihm am Fuße des Berges mit Aufgebe-Parolen ausgebremst hätte? Nur habe ich eigentlich noch andere Dinge zu tun in den nächsten sieben Wochen, die ich vorsichtshalber nicht plane, um mein Masterplan-Projekt nicht zu gefährden. Die Idee des Buches ist es ja, dass man ein Projekt 9 Wochen lang durchzieht und dabei die Methode anwendet. Danach ist man dann kein Prokrastinierer mehr. Wenn ich jetzt 9 Wochen keine Kohenhydrate mehr esse und mir mittendrin auffällt, dass ich auch besser Eiweiß weglasse, liegt da ja auch kein Segen drauf. Also werde ich alle anderen Sachen fleißig weiter aufschieben, damit ich den Gesamtsieg nicht gefährde. Was mache ich denn, wenn ich geheilt bin? Keine Turnschuhe mehr tragen? Ein Haus in Königstein kaufen? Kurt Cobain betrauern? Demnächst hier auf diesem blog…!

Die Putzfrau ist wieder da grad. Ich habe gesagt, „nächstes Mal sind sie noch da?“ Sie hat dann nämlich irgendwann Urlaub. Sonst sage ich immer etwas über das Wetter. Das ist nicht so doof wie ihr denkt, denn ich öffne ihr ja die Tür und sehe das Wetter. Aber heute dachte ich mal, na, was Neues ausprobieren. Das war aber nichts. Sie dachte dann, es würde mich beunruhigen, dass sie dann nicht da ist und meinte, für eine Vertretung sei es langsam knapp. Ich hätte lieber fragen sollen, wo sie war, als Kurt Cobain starb. Ich war da übrigens mit dem Urologen an der FU gerade im zweiten Semester (fast) und wohnte noch bei Mutti. Die Strahlkraft meines damaligen Lebens lässt mich zu der Vermutung gelangen: Kurt Cobain hätte es auch nicht sehr gekümmert, wenn ich gestorben wäre. Im Mai 1994 feierte ich Geburtstag, meine Gäste mussten ein komisches Spiel spielen, und es gab keinen Alkohol. „Es ist Frühling bei den anderen“ schrieb ich. Das ist der Eintrag in meinem Tagebuch, der am nächsten am 5 April 1994 liegt. 1995 brachte mir dann Seb bei, dass man Nirvana hört. Ich tat das dann, höre jetzt auch gerade welches. Ich dachte damals erst, komische Platte: Ein Säugling schwimmt mit einem Geldschein. Schwimmen mit Delfinen kannte ich. Aber das? Später dachte ich dann: Mit dem Satz: Better to burn out than to fade away lässt sich doch auch ein Lehrerdasein rechtfertigen… sorry Kurt

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2 Kommentare zu „Ein Säugling schwimmt mit einem Geldschein

  1. Gab’s da keine Proktologen, auf der Feier in Göttingen? ‚Ich mache auch was mit Prok‘, hättest du dann sagen können.
    Ich würde gerne bei dem ‚Heute fange ich wirklich an‘ – Programm mitmachen, weiß aber leider nicht, womit ich anfangen soll/will. Gibt es da auch ein Vorprogramm? Oder hat bei mir schon die überpersönliche Phase angefangen, es ginge dann eh nicht mehr um mich.
    Kurt Cobain starb in Tübingen, da war dann kurz darauf mein kleiner 3er mit seinem us-amerikanischen Austauschschüler zu Besuch, der war 15 und auch sehr traurig.
    Als der Kantor meiner Kinderheit starb, ist noch gar nicht so lange her, hat er seinem Sohn auf dem Sterbebett erzählt, dass er jemanden erschossen hat, im 2. Weltkrieg. Der Sohn hat recherchiert und ist dann nach Italien gefahren und hat sich bei den Verwandten/Nachfahren des Erschossenen entschuldigt. Ist wahrscheinlich leider eher ne Ausnahme von der Widerstandsregel.
    (p.s. Ich habe neulich einen Gartenfreund auf der Straße getroffen, der mir seinen Kumpel, mit dem er unterwegs war, vorstellte, und sagte, sie würden sich schon lange kennen. ‚Wie lange eigentlich?‘, fragte er den dann. Und der sagte, ’schon ewig, seit der Wehrmacht‘. Komischer Humor, fand ich, es stellte sich aber heraus, dass er die Wehrmachtsausstellung meinte, an der beide beteiligt waren und wo sie sich kennenlernten.)

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  2. überpersönliche Ohase? wat? Naja, du musst so eine Umfrage mit dir selbst machen, z.B. was dich vom Nicht-Prokrastinieren abhält und so, diese ganzen Ergebnisse wieder vergessen und dir über 4 oder 9 Wochen einen Plan machen, wann du arbeiten willst und das dann jeden Abend evaluieren und 1x in der Woche kannst du das nächste Kapitel aufschlagen. Läuft.

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