Serien-Killer

Tagebuch vom 28.8.1997:

Es widerstrebt mir, meinen Pflichten nachzugehen, wenn ich die Neigungen nicht einmal kenne. (…) So verbringe ich fast 60% eines Tages mit gar nichts, (…), mir von scha! sagen zu lassen, ich würde ja nichts schaffen. Einzige Aktivität des Tages ist esssen und Kaffee-Trinken. Mit Leuten, für die das „Pause ist“. Sehr hübsch. Manchmal denke ich, alles würde anders, wenn ich nur Ordnung halte, dann halte ich mein Über-Ich wieder für das Problem, das mich auch „verdiente“ Freizeit (die Schreibweise zeigt die Übermacht des Über-Ichs) nicht genießen lässt. Es hilft auch nicht wirklich, 3 Tage lang fernzusehen, um auf Arbeitswut zu hoffen. Eigentlich hilft nichts. Ich arbeite immer mal wieder völlig willkürlich, finde mein Maß nicht, finde nichts. Dann wieder der Kopf voller Ideen: Lesezirkel, Volleyball, Ringvorlesung, Nischen schaffen.

Man möchte mir zurufen: Google mal „bipolare Störung“, aber googlen ging ja kaum, die Rechner waren so groß wie Häuser und hatten AltaVista. „Mann, warte mal ab, in 10 Tagen hast du eine Freundin, dann wird alles leichter. Zumindest die nächsten drei Jahre lang.“ wäre auch ein tauglicher Zuruf. Apropos Freundin: Bei der Lektüre meiner Stasi-Akten, ach nee: meine Tagebücher fiel mir auf, dass ich Freundinnen oder potenzielle Freundinnen auch so behandelt habe wie Serien: Als willkommene Ablenkung, um mich mit dem nicht beschäftigen zu müssen, was ich eigentlich noch will vom Leben. Freudinnen klappten da sogar besser als Serien, denn das ist ja wohl bitte sehr erlaubt – das muss selbst mein Überich einsehen. Ich vermute aber, dass irgendeine Abteilung in meinem Unterbewusstsein ihnen das übelnahm. Und irgendeine Abteilung in deren Unterbewusstsein dachte: Klette. „Stalker“ war ein Film von Tarkowski, das war noch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch herabgesunken. Für die Serien ist das wohl auch nicht besonders herausfordernd, mein Herz zu erobern. Seit gestern gibt es neue Folgen von Big Bang Theorie. Die sind aber irgendwie nicht mehr so doll. Ständig sagt irgendwer „hilfreich“ und Sheldon ist schon fast normaler als ich. Vielleicht bin ich aber auch geheilt und Serien sind nicht mehr die richtige Speise. Serien müsste man killen.

Und man möchte mich der Lüge bezichtigen: Ich habe nie drei Tage lang ferngesehen. Fernsehen – lustiges Konzept, irgendwie 90´er . Sonst möchte man mir nischt zurufen, weil es eigentlich egal ist. Irgendwie wurschtelte ich mich durch 90´er und die Nuller. Sind wir jetzt echt in den 10´ern? Das mit der „Pause“ gefällt mir. Es erinnert mich daran, wie ich mich früher im Leichtathletik-Verein gemeinsam mit den Langstrecklern „warmmachte“. Die waren danach warm und ich völlig am Ende, ich hätte auch grad wieder nach Hause gehen können.

Ich bin übrigens Feminist. Leider kann ich das hier nicht erklären, da das wenig mit Aufschieben zu tun hat und nicht getaggt ist. Tagge ich jetzt mal, vielleicht schreibe ich dann demnächst drüber. Außerdem muss ich ja schon mal dafür planen, was ich schreibe, wenn ich geheilt bin: „Lesezirkel, Volleyball, Ringvorlesung“ ist vielleicht nicht ganz erschöpfend. Früher dachte ich auch, ich sei der neue Mann (braucht das Land), was aber serienartig von F bezweifelt wird. Dann würde ich auch nicht solche Beitragsbilder wählen, oder?

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3 Kommentare zu „Serien-Killer

  1. d.h., Männer, denen nichts mehr einfällt und denen auch nüscht zugerufen wird, die schon warm sind, bzw. vollkommen am Ende, und Kaffee getrunken haben, ja, was machen die? Feminist sein?

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  2. Dass ich Dein Über-ich war (oder bin), ist mir unangenehm! Ich bin wahrscheinlich auch Feminist und finde – und weiss nich, ob das dem Feministen-Anspruch widerspricht oder ihn bestätigt -, Freundinnen sind im Gegensatz von Serien nicht Beiwerk und Ablenkung sondern Ziel und Aufgabe. Hmhm.
    Dass Du immer geglaubt hast, Du seist der Neue Mann, kann ich – schönen Gruß an F. – verbürgen. Mir kam das aber auch schon immer machistisch vor, dieses Behaupten, vielleicht eben, weil es implizierte, dass man gebraucht würde. Ich sag ja immer: ich bin, der ich bin.

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  3. Ach Colt Seavers. Via Streaming boomen Serien ja inflationär.

    Du hast die Nischen vergessen, ´97 waren sie dir noch präsent. Die Kunst ist eine zu finden.

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