Widersteht dem inneren Wolf!

Eigentlich habe ich eine neue Methode etabliert, die, wie alle neuen Methoden bei mir, super klappt. Die geht so: Ich lege fest, zu welchem Zeitpunkt des Tages ich Zeit habe, totalen Quatsch zu machen. Das ist dann der Ort, zu dem Protestzüge mit Gedanken, die Schilder hochhalten wie: Jetzt könntest du deine Steuererklärung machen oder die Sprechchöre schmettern wie Ho- Ho- Homeoffice keinen Zugang haben. Als ich damit begann, hatte ich den Eindruck, das erste Mal seit Jahrzehnten wirklich Freizeit zu haben. Das kann ich natürlich keinem erzählen, der mich in diesen Jahren gesehen hat, wie ich auf der Couch liege, in Sesseln lümmle, auf Fluren schlief, in Kneipen gegen sie Zeit antrank… Aber: Das waren ja nur Fluchthandlungen. Das Kaninchen hält auf seiner Flucht vor dem Wolf auch immer mal an, sammelt Tannanzäpfle, schlägt Haken im Schnee und freut sich über die Muster oder checkt ungewohnte Sternbilder. Es ist aber doch nicht dasselbe, als wäre gar kein Wolf hinter ihm her. Ich denke da an so einen niedersächsischen Wolf, der schon träge ist, weil ihm normalerweise eingezäunte Schafe serviert werden, er sich fette Katzen vom Bauer angelt und sich hier und da mal am Dorfjugendlichen labt. Von außen sieht das Kaninchen also aus, als chille es. In ihm jedoch tobt es. Es verbrennt drei Mal so viel Kalorien wie wirkliche Chiller, da Sorgen durch seinen Körper jagen und er nur vor dem Gedanken flieht, verfolgt zu werden am Grunde seines Seins. Ich sitze also auf der Couch der Qual, immer gehetzt von dem Bewusstsein: „Ich sollte mal:“ Hat sich schon mal jemand einen Wolf gegrübelt. Jetzt nicht mehr. Ich habe einen neuen Zaun. Oder ich habe einen Esel eingestellt, der in diesen Momenten den man-sollte-mal-Wolf vertreibt (das mit dem Esel geht wirklich, nicht weil Esel so stark sind, sondern weil sie so stur sind und lieber den Wolf treten, statt wegzugehen, nur weil der da rumröhrt. Hunde sagen ja, wenn der Wolf kommt, ja Sir, sofort Sir. Esel haben nicht gedient und werden in ihrer Handlungspalette nicht gebremst durch Adornos autoritäten Charakter. Der Wolf wird skeptisch bei ausbleibender Unterwerfung und haut lieber ab).

Ich habe die Grundidee dieser Methode bei Hans Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben beim nochmaligen Durchblättern entdeckt. Er nennt es Freizeit. Das kann ich nicht tun, denn wenn mein siebenjähriger Sohn das mitbekommt, ist er ja wohl sowas von enttäuscht, dass mit ihm spielen keine Freizeit sei. Das will ich auch gar nicht so recht entscheiden, also heißt es „Quatsch machen mit mir alleine “ (das will man jetzt auch keinem zeigen).

Heute ist die Putzfrau nicht da, da sie Urlaub auf Teneriffa macht. Das war für mich zunächst ein großer Entspannungsgewinn. Nur habe ich leider meine letztwochenendliche Abwesenheit mit der vollmundigen Ankündigung ausgerufen, ich würde dann am Montag auch putzen. So gegen halb 10, als ich nach einem kleinen gehetzten (s.o.) Schläfchen erwachte, dämmerte mir, dass der putzfrauenlose Zustand auch Nachteile hat. Ich suchte 15 Minuten lang die Putz-Ausrüstung, machte mir ein Hörspiel an, in dem ein Darken Rahl die Welt beunruhigt, und putzte beide Klos und die Badewanne. Das reicht auch. Der Boden muss eigentlich nicht wöchentlich gewischt werden. Ich mag es auch nicht, wenn etwas, das du geputzt hast, danach genau so aussieht. Es ist ein bisschen wie unterrichten, da merke ich meistens auch zwischen vorher und nachher keinen Unterschied bei den Schüler*innen. Aber immerhin kann ich jetzt nackt durch das Haus tanzen, was ich nicht tue. Ich frage mich, ob es ein ähnlich befreiendes Gefühl ist, wenn ich meiner Stuerberaterin kündige.

Das Rollenspielen am Freitag war super. Ich überlistete die Müdigkeit, indem ich Salat aß, statt triefender Pizza (seufz) und wurde von Ottern verhaftet, die Helme trugen und so schnell waren, dass sie meinen Tritten auswichen. Eine dunkle Fee erstach dann leider den Flusskönig, der vorher so tapfer gegen die Trolle gekämpft hatte. Ich muss mir mal die Kampfregeln nochmal näher ansehen.

Was ich auch muss: Ich muss noch den Bezug der Couch auf die Couch zurückbeziehen. Das ist leider etwas, das nie auf Anhieb gelingt. Es gibt drei Möglichkeiten, es falsch zu machen. Wenn ich bei der dritten bin, habe ich leider vergessen, welche Möglichkeiten ich schon ausprobiert habe. Deswegen gibt es unendlich viele Möglichkeiten, das falsch zu machen. Vielleicht ist da der Lebensqualitätsverlust, wenn sich der Couchbezug in mein stummes Verfolgerheer einreiht und auch vorwurfsvoll blickt, erstmal geringer.

Fun fact about Esel: Esel wurden ja für dumm gehalten, weil sie nicht tun, was man ihnen sagt. Die Überschrift klingt schon wieder wie ein Beitrag zur metoo-Debatte. Wie macht man eigentlich ein Hashtag?

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