Ferien von der Atlasarbeit

Ferien sind der Angstgegner. Ein Gebirge von Ansprüchen türmt sich auf einem Feld ohne jede Struktur auf. Das Leben schlägt die Augen auf, so dass alle guten Vorsätze seufzend dahinschmelzen. Bisher. Aber ich kann schnell, wenn niemand guckt, um die Ecke, mir meine Kleider vom Leib rupfen und mein Superheldenkostüm überstreifen. Oder ich trage es vielleicht drunter, wie so viele Superhelden. Schwitzen die dann eigentlich nicht? Dann bin ich der Do-Man (oder The Executer) und mache irgendwas. Zumindest ist das der Plan. Apropos Plan ich habe geplant, nach dem Frühstück immer zu planen. Nur habe ich eine etwas plan-inkompatible Familie. Auch ich sitze gerne noch so rum und große Anteilseignerinnen in mir hoffen, dass der Tag im Prinzip so weitergeht. Die Kinder dämmern so vor sich hin – heute hat Sohn 1 sogar vor dem Frühstück Fifa 17 gespielt, so dass ich eigentlich vermutet habe, dass gleich eine Fernsehserie klingelt und durch das Haus läuft und überall Rümpelecken entdeckt. Eine Einblendung würde dann ordentliche Bürger*innen zeigen, die den Kopf schütteln. Und dazu sitzt dann der Sohn 1 mit einem verkehrt herum angezogenen Schlafanzugoberteil und Bademantel vor dem  Beamer und verwahrlost. Günstigerweise ist das Schloss unserer Haustür gerade kaputt, so dass eine Fernsehserie selbst mit einem Dietrich nur durchdrehen würde.

Dabei sind die Ferien etwas, worauf ich mich durchaus standesgemäß freue. Ich muss jedoch sagen, dass mein Lehrerjob gerade dabei war, einen kleinen Sogeffekt zu erzeugten, als mein Zwangsurlaub begann. Das merke ich immer daran, dass ich ganz viel ändern will und in allerlei Ausschüsse und Gremien gehe und auch mal zurückrufe, wenn Eltern anrufen. Das geht aber vorüber. Aber Ferien sind natürlich super. Man merkt, dass man das, was man schon immer mal machen wollte, gar nicht machen will. Habe ich schon erwähnt, dass F. jetzt, wo die Kinder sich langsam gegenseitig betreuen können, merkt, dass ich gar nicht aus Kinderliebe und Verantwortung so viel zu Hause bin, sondern weil ich einfach nicht so gerne aus dem Haus gehe? Ich bin Inhaber einer leichten Form von Grundstücks-Autismus. Das Coming-Out dieser Besonderheit wird sicherlich den Schwung in unserer Ehe in eine neue Richtung treiben. Gelegentlich stellte ich in der Vergangenheit schon fest: Wenn ich mehr Zeit habe, schaffe ich weniger. In meinem Kopf verbünden sich dann die Einheiten, die ohnehin immer dafür sind, nichts zu tun, mit denen, die für die Einhaltung einleuchtender Argumente zuständig sind. Ihr Arbeitstitel ist dann: Kannste jetzt machen, stimmt schon, kannste aber auch morgen noch machen, da wird es sicherlich besser, weil du dann eher in der Stimmung dafür bist.

Wir müssen uns nicht nur Sisyphos, sondern auch Atlas als einen glücklichen Menschen vorstellen. Für diejenigen, die denken, das sei ein Schulbuch: Atlas ist ein Gigant (glaube ich), der die Welt auf seinen Schultern trägt. Vermutlich war sein unangenehmster Moment der, als Herakles ihm die kurz mal abnahm. Auf Atlas stürmten all die Projekte ein, die er jahrelang vor sich herschieben konnte: Den Garten machen, den Job wechseln, vielleicht mal Holzsäge-Arbeiten, Kampfsport, sich bei Tinder anmelden… Als Herakles ihn bat, die Welt doch kurz nochmal zu nehmen, Herakles würde eben gerne SEINEN UMHANG NOCHMAL ORDNEN, tat Atlas so, als würde er darauf hereinfallen und: Ferienende. Herakles hatte mit Kleiderordnung im Folgenden ohnehin kein so gutes Händchen – er starb, nachdem er ein vergiftetes Gewand angezogen hatte. Google sagt übrigens, Atlas sei ein Titan. Die Titanen kämpften gegen Zeus und seine Bande und sind irgendwie untergegangen, vielleicht wurde deshalb die Titanic nach ihnen benannt.

Atlas steht da noch immer, die Welt auf den Schultern, und macht Pläne für vielleicht morgen.

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11 Kommentare zu „Ferien von der Atlasarbeit

  1. Endlich mal wieder Triple-Plus (+++). Nicht wegen der bildungsbürgerlichen und Heiner-Müller-ANSPIELUNGEN, aber wegen des Hauchs von Literarizität im Stil.

    der Erlediger

    PS: Ich habe bis heute nicht verstanden, warum das Porto-faschistische, neoliberale Roman-Manifest „Atlas shrugged“ heisst. ich habe es gekauft aber dann doch nie gelesen und frage mich immer wieder, ob Atlas hier der starke Mann ist, der sich nur kurz schüttelt, ob der gewerkschaftlichen Läuse in seinem Pelz. Oder ob die Erde bebt, wenn der starke Mann es will (im Deutschen wirft er die Welt gleich ganz ab, das ist doch aber was anderes als „shruggen“, oder?)

    PPS: Wieso habt Ihr denn jetzt schon wieder Ferien? Ostern ist doch noch lange hin!

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  2. @scha! warst du schon mal beim 11-mm-Festival?

    Ferien haben die dauernd, eigentlich wird die schulfreie Zeit nur hin und wieder durch Unterricht unterbrochen.

    Damit es nicht heißt ich beschäftige mich nicht mit dem geschriebenen Wort oder „Literarizität“– das ist wohl auch gebräuchlich:

    Meine Lieblingspassage ist Heiner-Müller-frei“…dass ich gar nicht aus Kinderliebe und Verantwortung so viel zu Hause bin, sondern weil ich einfach nicht so gerne aus dem Haus gehe? Ich bin Inhaber einer leichten Form von Grundstücks-Autismus.“

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  3. @3er; ich kannte/kenne eine 5-m-Bar und eine 8-mm-Bär, aber kein 11-mm-Festival.

    off topic; D. Kehlmann habe ich aufgrund seines theatertheoretischen Konservatismus (und auch sonst) immer eher für einen Lappen gehalten, im Zeit-Interview hymnisiert er aber die Sozialdemokratie schöner, als ich es je könnte:
    „Das Wirken der Sozialdemokratie als historische Kraft wird dadurch überhaupt erst sichtbar: Der Staat ist eben für das gesundheitliche und wirtschaftliche Wohl seiner Bürger verantwortlich. Man sollte nicht ständig ums Überleben kämpfen müssen.“
    http://www.zeit.de/campus/2018/02/daniel-kehlmann-nazis-universitaeten-diskussionen-meinungsfreiheit

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  4. @guntron: Kann aber natürlich auch eine FB-Hate-Speech-Anspielung sein.
    @3er: nice, aber ich bin für Fussball gerade ziemlich unempfänglich: Stöger, Russland, Fifa: downward spiral.

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  5. War eigentlich die Kennzeichnung, dass es ein Zitat ist. Aus Wikipedia. War aber vielleicht bei Heiner Müller auch immer so. Aber du hast recht, die Großbuchstaben erinnern sehr an ihn.

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