Hauptsache Feste Druff

Ich erwähnte, wie ich glaube, John Steinbecks Novelle, bereits, die davon handelt, dass ein Arzt arme Leute behandelt. Darin kommt eine Stelle vor, die mich seit 25 Jahren bewegt, nämlich die „Nicht nur bis zu den Knien, sondern voll rein“-Metapher. Voll rein bedeutet hier das Meer und eigentlich das Leben und darin so gut wie jede Tätigkeit. Man soll also nicht so lálá einen Vortrag machen, sondern mit ganzer Wucht. Und man soll sich nicht zögerlich von einem öden Day-Job-Trott hinraffen lassen (Casper), sondern sich beschwingt reinwansten. Ich muss dabei manchmal an Menschen denken, die irgendwas sammeln. Das ist ja sehr sinnlos, aber für die fangen die Dinge dann an zu leuchten. Man könnte denken, krasser Kapitalismus, hat wieder was erfunden, dass die Leute den letzten Dreck kaufen, den sie irgendwie fetischisieren. Aber muss man nicht. Meine großen Erfolge beim Anwenden der Metapher hatte ich eher beim Essen, feiern und Trinken, manchmal beim Sport, da waren es aber im eigentlichen Sinne keine Erfolge. Jobmäßig eher nicht so, vielleicht am ehesten im AStA, das ist aber auch schon 20 Jahre her. Selbst als ich mit einer Schulklasse sieben Monate durch Atlantik und Karibik segelte, übergab ich mich eher, als dass ich mich hingab. Eigentlich wollte ich weg. Wenn man aber immer nur weg will, ist man da aber auch irgendwann.

Mich beschäftigt das grad, weil ich überlege, ob ich in die „Steuerungsgruppe“ an der Schule will. Da sitzen Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern und steuern. Im Wesentlichen diskutieren sie Sachen „vor“, die dann irgendwann die anderen Gremien beschließen. Nun bin ich ja eigentlich Künstler und bin nur so kurz mal im Lehrerjob  seit 15 Jahren. Unterbewusst denke ich wohl (oder wer dann denkt), ich sollte die Dinge nicht zu intensiv anpacken, sonst entwickeln sie Widerhaken und ich komme da nicht mehr raus und zack bin ich ein Clown und sammle Augenblicke (Böll). Es ist ja nicht so, dass ich im Gefängnis bin und gar nicht erst anfange in der Gefängniswerkstatt zu arbeiten, weil ja alles ein großes Missverständnis ist und mein Anwalt noch in Berufung geht und eins, zwei, drei bin ich hier eh wieder raus. Oder erstmal wie bei Monopoly „nur zu Besuch“. Es ist nicht so, weil der Job ja auch seine charmanten Seiten hat. Damit meine ich jetzt nicht Ferien. Ich mag zwar insgeheim Kinder nicht sonderlich, aber angesichts dieser Einschränkung finde ich sie doch oft ganz amüsant. Wenn es gut läuft arbeiten ihr Narzismus und mein Narzismus Hand in Hand und es sieht dann aus wie pädagogische Finesse.

F. sagt zudem, ich sei gar kein Künstler. Fantasy-Romane schreiben, DSA-Abenteuer verfassen und einen blog betreiben sei höchstens Kunsthandwerk. Das ist etwas arg, aber gut, dann möchte ich halt kreativ tätig sein. Meine Marschroute sieht vor, dass mir ein drittes Standbein wächst, in welchem Bereich auch immer, dass mir Inspiration, Massen und Geld zufließen und ich dann nochmal neu darüber nachdenke, ob ich unter diesen Bedingungen Lehrer sein will. Bis dahin aber rein ins tiefe Wasser gehen, sich in die Brandung werfen. Kriechtiere am Meeresgrund verachten oder betrachten.

Statt immer unter einem Glassturz oder einer Glasglocke: „Ich werde wohl zwei oder drei Raupen aushalten müssen, um die Schmetterlinge kennenzulernen“ (kl. Prinz)

Also gehe ich in die Steuerungsgruppe. Die wird eh gelost, also mit Anlauf in die Wanne springen. Wenn andere das Wasser ablassen, ist das meiner Lebensphilosophie egal.

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3 Kommentare zu „Hauptsache Feste Druff

  1. +++. Obwohl: hätte länger sein können, bisschen tiefer gehen in die Sprengfallen der Metapher, die Unterschiede zwischen knietief, feste druff, wuchtig, mit Anlauf, bis zum Ellenbogen, mit Haut und Haar etc. Und auf diesem Atlantikkreuzer warst Du, wenn ich den Fotos glauben darf, schon sehr viel tiefer als knietief in der Scheisse.

    Künstler biste aber keiner, da hat F. recht, auch wenn Du so französische Vokabeln einstreust und sogar noch Accents bemühst – nur leider die falschen! làlà, nicht lálá!

    Steuerungsgruppe ist doch genau Dein Ding: Gelenkte Demokratie! Und wie keiner, der die H. Schmidts (das darf man hier wegen der Allerweltshaftigkeit des Namens vielleicht schreiben) dieser Welt Dir vorzieht.

    Bei ein bis zwei Sätzen habe ich überlegt, ob wir eine Selbsthilfegruppe beginnen sollen; ich denke ja auch, dass ich meine beruflichen Tätigkeiten nur vorübergehend ausübe und mich nicht mal mit meinen Auftraggebern streiten muss, wenn sie was anders sehen, weil ich da gar nichts rein investiere (bei mir ist das allerdings auch strukturell und finanziell so abgebildet) und dennoch denke ich, dass ein Interim, das Jahre andauert, ein Irrtum ist.

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  2. Das ist doch mal kon-kunsthandwerklich. Ist Lala Land eigentlich ein Film darüber, dass die alles nur so làlà machen? Interim ist immerhein eine bedeutende linksradikale Zeitschrift. Man kann sich da also auch politisch drin bewegen. Ich muss mich nicht engagieren, weil ich das System ja eh überwinden will. So in etwa.

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  3. Nee, ich glaube Lala-Land wäre eher Lálá-Land, weil das ja eher so von Tralalalalá kommt, oder doch vom oh là là? Aber Dada ist auf jeden Fall so làlà!
    Sich bewegen ohne sich zu engagieren finde ich auch ganz attraktiv!

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