Obelix, Anti-Optimierer

Ich habe die Amseln vor meinem Fenster beobachtet. Sie verhalten sich seltsam. Sie schaffen so viel Äste, Heu und Fussel weg, dass ich den Eindruck habe, sie bauen entweder ein Hotel oder sie bauen gar kein Nest und räumen einfach nur auf. Oder sie habe die Liga gwechselt und gehören jetzt zu den Laubenvögel, auf die ich ja mal hinwies.

Ich nahm mir ein Beispiel und beseitigte endlich den Grünspan von einem Teil der Terrasse. Für mehr reichte der Grünspanbeseitigungsvorrat nicht. Außerdem murkelte ich ein wenig an den Kabeln rum, so dass wir jetzt Musik auf der Terrasse haben. Dann fing es an zu regnen.

Ich werde ja in der Zukunft extrem sportlich. Dieses Wissen half mir schon oft dabei, so manches Sportgerät heranzuschaffen. Zum Beispiel eine schräge Liege, mit der man Situps machen kann. Das tat ich in der Folge auch hingebungsvoll, jedoch machte ich mir damit meine Hosen kaputt. Die ruppelten nämlich beim Upsitten so ungünstig drauf herum, dass der Stoff fadenscheinig wurde. Somit hat mich die Anschaffung dieser Liege nicht nur 30 Euro, sondern ungefähr 200 Euro gekostet. Jüngst baute ich sie wieder auf. Jetzt mache ich Situps in Unterhose, bevor ich ins Bett gehe. Es ist mir zu blöd, eine Sporthose anzuziehen für eine Tätigekeit, die sich im fünfminütigen Bereich bewegt. Sohn 1 legt sich drauf, wenn er Zähne putzt. Ich merke gerade, dass dieser blogopost etwas ins Banale abgleitet. Ich könnte vielleicht etwas von Ödipus erzählen oder was von Kant. Ich schau mal, wo sich das einbauen lässt.

Als nächste Anschaffung plane ich einen Cross-Trainer. Das ist so ein Oma-Gerät, bei dem man an Stangen zieht und gleichzeitig steppt. Eigentlich sehr peinlich. Noch dazu nimmt er enorm viel Platz weg. „Du kaufst was, und dann steht es wieder nur rum“ ist hier zu Hause so eine Art geflügeltes Wort. Bei Flügel, die irgendwo angebracht sind, wo sie nicht hingehören, fällt mir Hermes ein. Also nicht der Versand, sondern der Götterbote. Dem Sten Nadolny in „Gott der Frechheit“ ein schönes Denkmal gesetzt hat. Er ist der Gute und Hephaistos ist der Böse mit seinem ganzen Industrialisierungskram. Fand ich eine hübsche Zuschreibung. Zumal hier derjenige auf den Deckel kriegt, der zum schaffenden Kapital gehört… naja, ich schweife ab.

Crosstrainer it is. Demnächst werde ich hier also so Fotos meines Oberkörpers posten, der dann aussieht, als hätte man mich in Hephaistos´Suppe getunkt. Wie Achill, das Vieh, aber ich würde dann nachher darum bitten, dass man auch meinen Fuß nochmal nachtunkt, damit ich keine verwundbare Stelle kriege. Und ich würde das Eichenlaub von mir wegfeudeln. (Man fragt sich, wie blöde diese Superhelden eigentlich früher waren). Dann wäre ich gestärkt und die Widrigkeiten der Welt würden an mir zerschellen. Ich muss jedoch gerade an das Buch „Drachenblut“ von Christoph Hein denken. Die Hauptfigur hatte sich auch immun gegen Außeneinflüsse gemacht, allerdings eher mit so einer medtativen Abstumpfungszeremonie. In der Folge kam aber nicht nur kein wütender Pfeil des Schicksals mehr an sie ran, sondern auch nichts Nettes. Ob das automatisch ist? Fängt man sich mit der Substanz auch immer gleich die Metapher mit ein? Oder kann ich meinen Body stählen ohne meine menschlichen Eigenschaften einzubüßen? Sind Sixpackinhaber immer Langweiler? Kann ich dann noch gemütlich irgendwo sitzen, ohne gleich Beckenbodenanspannungsübungen zu machen. Kann ich noch schlemmen und völlen im Kreise guter Freunde ohne dass Kalorienzahlenkolonnen vor meinem inneren Auge rattern, wie die Nullen und Einsen im Matrix-Vorspann? Habe ich noch Verständnis für die Fehler anderer Menschen, wenn ich selbst fehlerlos werde? Wird Hirnmasse verdängt, wenn mein Kopf muskulöser wird oder wird meine Seele, wo sie auch steckt, zusammengedrückt? Momos Graue Herren kann man sich auch super auf so einem Crosstrainer vorstellen, sie sind ja die Vorhut der Selbstoptimierung. Und Saruman hat die Orks, die er aus dieser Schlucht bei seinem Turm gefischt hat, bestimmt auch gleich erstmal auf den Crosstrainer gestellt. Wenn irgendwo reingetunkt werden, dann vielleicht in den Zaubertrank. Obelix ist trotz Superpower sympatischer als Askesen-Asterix mit seiner instrumentellen Vernunft.

Vielleicht doch keinen Crosstrainer? Lieber einen Grill?

Cartoon von Markus grolik: Link

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4 Kommentare zu „Obelix, Anti-Optimierer

  1. Da gibt es keine zwei Meinungen:
    „…Vielleicht doch keinen Crosstrainer? Lieber einen Grill?…“

    Vielleicht helfen die 5 W-Fragen
    Was benötigt mehr Platz?
    Was ist förderlich für das Familienleben?
    Was wird häufiger benutzt?
    Was lässt dich an die Frische Luft gehen?
    Was kannst du anmachen, dabei ein Bier trinken und es geht dennoch voran?

    P.S. Wem noch etwas zu WER, WO, WIE, WARTEN einfällt, gerne ergänzen.
    P.P.S. Du trägst zu kostspielige Hosen!

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  2. Du trägst überhaupt Zuviel Hosen. – Achill tat das nicht!
    Ansonsten: bisschen viel Literatur für einen Sozio-Blog. Allein schon der Einstieg mit den Ansrln – sehr lyrisch, feinsinnig, Walther-von-der-Vogelweide-mäßig! Mir gefällt es ja, aber …

    Und 3rr hat in allem recht!

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  3. … und Du auch in vielen, was den Perfektibilitäts-Wahn angeht, und ich sollte nicht in der U-Bahn mit Brezn und Bier in der Hand kommentieren.

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  4. Hab ich doch gesagt: zuviel Literatur ist ein Downer. Die Leute wollen Blut, Schweiß und Tränen = Waschmaschine, Grünspan, Kinder. Sex geht auch.

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